Das Abenteuer beginnt,
ein Buch entsteht


Fünf unerschrockene Autorinnen und Autoren, fünf russische Motorradgespanne, 30.000 km, zwei Jahre, ein ungewöhnliches Buchprojekt.

Unser Autorenteam befindet sich auf einem der ungewöhnlichsten Motorradabenteuer: auf dem Landweg nach New York. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die unerschrockenen Fahrerinnen und Fahrer, sondern auch deren 650er Uralmotorräder aus den 80er und 90er Jahren.

»Unser Anspruch besteht nicht darin, uns mit dem modernsten Expeditions-Equipment auszustatten, um für jede Situation vorab gewappnet zu sein. Viel mehr sehen wir als wichtigen Aspekt unserer Reiseplanung, dass wir uns auf der Route den jeweiligen regionalen Veränderungen und Gegebenheiten anpassen. Das bedeutet, dass wir unsere Kleidung, die Ausstattung und notwendige Umbauten an den Maschinen in Anlehnung an die Ratschläge der Einheimischen und deren Mittel ändern, vornehmen bzw. vor Ort neu beschaffen werden«, stellen Elisabeth, Lisa, Anne, Johannes und Sven klar.

Am Ende – und es ist ganz egal, ob die fünf es tatsächlich schaffen, zusammen mit den Motorrädern in New York einzulaufen – wird es einen spannenden und umfangreichen Bild- und Textband geben. Bei uns, bei Monsenstein & Vannerdat.
voraussichtlicher Erscheinungstermin 2017

 


Facebook

Blog (Blog von M. Kruppe)
 


Ein Bericht von Tom van Endert,
Edition Monsenstein und Vannerdat


Juli 2016 bis 11.11.2016: Nein, sie wurden nicht vom Eisbären verspeist!


Dem aufmerksamen Besucher unserer Homepage wird nicht entgangen sein, dass die Uhren bis vor Kurzem noch auf Sommer standen, obwohl es draußen vor dem Fenster bereits wintert. Entgegen allerschlimmsten Befürchtungen, die Nachrichtenblockade könne an einem Scheitern der leavinghomefunktion liegen, am KGB oder wilden Eisbären, war es doch vielmehr der Betreiber dieser Internetseite, der aus Gründen, die hier nicht hingehören, für eine ganze Weile seiner Rolle als Schrauberbote nicht nachgekommen ist.

Jetzt, zu diesem heutigen Zeitpunkt befinden sich Elle, Anne, Efy, Johannes und Kaupo schon fast am Ziel ihrer Reise! Ihnen geht es gut!
»Gestern sind wir in Los Angeles eingefahren und erstmal direkt am Strand gelandet und Wellentauchen gegangen. Schließlich waren unsere Füße bei 35°C im Schatten und unter den Zylindern gut gegart. Du weißt ja wie's ist. Doch es war der absolute Hammer, am Strand von Malibu und Santa Monica lang zu fahren. Nachdem wir 'ne ganze Zeit in der Wüste verbracht hatten.« Das klingt alles andere als nach Sibirien und Katastrophen im Eismeer.

Was ist geschehen seit Juli, seit unserem letzten Bericht?

Die Flussfahrt auf dem Kolyma endete bei Aniusk einer Siedlung in Tschukotka, dem »Autonomen Kreis der Tschuktschen« im äußersten Nordosten Sibiriens ...



Nicht nur der Wodka, auch die Straßen haben 80% © leavinghomefunktion

Von hier aus soll es auf dem Landweg, also mit festem Boden unter dem Füßen, in Richtung Beringstraße weitergehen. Mit Hilfe der Einheimischen wird aus Reserverädern und Rahmenbauteilen eine Art Anhänger »à la Russische Schweißerskunst zusammengebrutzelt«. Das Ziel heißt Bilibino (Били́бино). Mit knapp 5500 Einwohnern durchaus eine Großstadt. Für tschuktschische Verhältnisse. »Dennoch haben hier einst 25.000 Leute gelebt. Die Überbleibsel sind weithin sichtbar«, schreibt Anne. »Soliden Grund unter den Rädern zu spüren, beflügelt mich. Ebenso wie die zurückgewonnene Geschwindigkeit. Durchschnittlich 60 km/h fahren zu können, bereitet ungeahnte Möglichkeiten! Die Landschaft besteht bis zum Horizont aus sanften Hügeln und ist überzogen mit einem dünnen Netz aus mageren Nadelbäumen, die Jahr ein, Jahr aus der Sonne ihr Möglichstes abzugewinnen versuchen. Die Jahresringe sind dichtgepackt, es handelt sich fast um Hartholz. Noch sind wir mit beinahe endlosen Tagen und reichlich Sonne beschert. Ähnlich wie zu Wasser werden wir auch zu Lande nicht von den Tücken der ausgetüftelten Ural-Technik verschont. Johannes' Maschine frisst unsere Zündkerzen-Reserven auf. Kaupos tilgt dafür Unmengen an Zündspulen. Die Lösung des Rätsels liegt fern unseres Wissens. Dennoch können wir die Symptome zunächst noch bekämpfen.«



In der Mitte der »Anhänger« © leavinghomefunktion

Die notwendigen Sondergenehmigungen für Tschukotka und dessen Grenzregion bei Tscherski im nördlichen Jakutien, nahe der Mündung des Kolyma, liegen bereits vor, der lokale russische Inlandsgeheimdienst FSB und der Migrationsdienst sind bestens informiert. »Somit wurden wir – wie sollte es auch anders sein, während einer Panne – persönlich von der Migrationspolizei auf dem Bergpass vor Bilibino in Empfang genommen. Man scheint sich schon richtig auf uns gefreut zu haben!«



Das Auge des Gesetzes wacht über Wohl oder Weh der © leavinghomefunktion

Max

In Bilibino angekommen, werden die notwendigen »und doch recht ausufernden Vorbereitungen« für die Passage zur Beringstraße getroffen. Wie eigentlich überall in Sibirien ist die Unterstützung seitens der Einheimischen nahezu grenzenlos. Max – »unser Eingeweihter vor Ort« – zum Beispiel stellt seine Garage zur Verfügung. Sie wird zum leavinghomefunktion-Headquarter, in dem diverse Überquerungstechniken für die zahlreichen Flüsse heiß diskutiert, entwickelt und konstruiert werden. »Selbst das russische Militär unterstützt uns – mit Nahrungsmitteln, Army-Boots und Camouflage-Unterwäsche. Alle haben ihre Freude. Wir organisieren 500 Liter Benzin und legen mit Hilfe der ortsansässigen Trucker geheime Benzindepots auf der einsamen, 1200 Kilometer langen Schotter-Trasse an.«



Heute kocht General Postnikov © leavinghomefunktion

Sogar eine Testfahrt mit der neuen Anhänger-Klapp-Brücke ist geplant. Alle sind bestens vorbereitet, informiert und selbst der Geheimdienst gibt seinen Segen. Doch der Aufbruch aus Bilibino steht unter keinem guten Stern. Zunächst zerbricht Elisabeths Endantrieb. Also geht's erst einmal zurück in Max' Werkstatt.
»Dann setzen Tage anhaltende Regenfälle ein, die jede Flussüberquerung unmöglich machen.« Die gesamte Stadt wird gesperrt. Es herrscht Ausreiseverbot! »Wir müssen warten ... Und so verstreicht kostbare Zeit.« Viel zu viel Zeit. Die Visa laufen ab!



Klappfix-Brücken-Anhänger im Langstreckentest © leavinghomefunktion

»Schließlich können wir die Stadt verlassen und erkunden mit unserer ausgefeilten, schwimmenden Anhänger-Brücken-Konstruktion die Weiten Tschukotkas. Wir testen die Teile bis an ihre Grenzen.« Ebenso die Motorräder: Annes Ural darf Max schon nach den ersten 20 Kilometern wieder ins Headquater zurückschleppen. Johannes, der die gesamte Zeit den Anhänger zieht, verabschiedet sich kurz vor Ende des Ausflugs von seiner Kupplung. Die Beläge sind zu Asche zermahlen, praktisch nicht mehr existent! By the way: Der Uralfahrer weiß, wenn es ein Teil an einer Ural gibt, das ewig hält, dann ist es die Kupplung.
Nur noch zwei von vier Maschinen sind einsatzfähig. Was tun? Wieder ist es Max, der zu Hilfe eilt. Auf russisch pragmatisch-praktische Art mit dem passenden Einsatzmobil: einem Kettenfahrzeug!



Sehr praktisch in allen Lebenslagen: Max' Mobil © leavinghomefunktion

Abbruch!

Die Zeit ist abgelaufen. Keine Chance mehr, die Beringstraße rectzeitig zu erreichen. Die Wetterkonditionen und vor allen Dingen die begrenzte Gültigkeit der Visa haben – »für dieses Mal!« – diese letzte und emotional so enorm wichtige Etappe vereitelt. »Doch das letzte Wort ist an dieser Stelle noch nicht gesprochen!«

Die Fahrzeuge bleiben zurück. Die Hoffnung, irgendwann einmal die Beringstraße mit dem Uralgespann überqueren zu können, nicht. Die bleibt in den Herzen der leavinghomefunktion. Und mit ihr die Vorfreude auf die »echten« Uralgespanne, die auf dem anderen Kontinent bereits auf sie warten. Wir dürfen nicht vergessen: Die Sibirien-Etappe 2016 fand mit original-russischen-Superschrott-Gespannen statt. Die Gespanne, auf denen es vor Tausenden von Kilometern einst in Halle/Saale los ging, mussten in Alaska verbeiben (bitte weiter unten nachlesen), in Anchorage, wo sie ein ortsansässiger Ural-Händler eingelagert hat.
Trotz aller Trauer um die verpasste Chance auf die vermeintliche Krönung der gesamten Expedition, der Flug zurück nach Magadan weiß zu trösten: »Und so heben wir ab. Stilecht in einer Propellermachine von 1973 mit 16 Sitzen.« Von Magadan geht es über Petropawlowsk-Kamtschatski rüber nach Anchorage.



Gedrückte Stimmung in der Antonow © leavinghomefunktion

Nach der Ankunft wird erst einmal ausgiebig geschraubt. Wie es sich gehört. Dann soll es endlich weitergehen. Wohin? Nach Süden. Immer noch in Richtung New York City!



Eindeutig Alaska © leavinghomefunktion

Mickey und Roger

»Mickey ist der Ural-Dealer von Alaska und Roger ein richtiger Haudegen mit unendlich vielen, unglaublichen Geschichten in petto.« Er erzählt von harten Wintern und der Jagd, dazwischen schraubt er ein wenig mit an den Motorrädern herum und abends am Lagerfeuer weiht er die fünf in die Werke des kanadischen Dichters Robert William Service ein. Stilecht mit Nordlichtern über den Köpfen. »Mickeys Herz schlägt für das Seitenwagen-Vehikel. Er fertigt daraus wilde Sonderanfertigungen an. Oder er reist mit Kanu und Machete ans Nordpolarmeer. Das inspiriert! Hier haben wir definitiv neue Verbündete gefunden!«



Auch eindeutig Alaska: Mickeys Moped © leavinghomefunktion

Es geht abwärts – Richtung Süden

»Alaska erscheint mir ähnlich verlassen und unerforscht wie der Ferne Osten Russlands«, schreibt Anne, »leicht lassen sich Parallelen finden. Nur der Asphalt unter den Rädern, der fühlt sich doch recht ungewohnt an. Also verziehen wir uns umgehend auf die Seitenstraßen und Schotterwege, quer durch die Berge.« Wie schon in Sibirien geht es bei den abendlichen Gesprächen um eventuelle Attacken wilder Bären. »Der einzige Unterschied ist, dass wir ab jetzt auch auf Bergpumas gespannt sein dürfen. Und so wird vor dem ins Bett gehen noch schnell die Verteidigungslage abgecheckt – Kettensäge zur Rechten und Anti-Bärenspray zur Linken. Wir bleiben jedoch verschont. Bis wir Kanada erreichen ...«



Abseits des Weges © leavinghomefunktion

Doch dazu mehr in ein paar Tagen! An dieser Stelle.



Juni/Juli 2016: Sateliten-Liveschaltung

Eine aktuelle Berichterstattung mit bunten Bildern ist derzeit nicht möglich, da entlang des Kolyma kein Empfang ist. Das geht nur noch per Satelitentelefon in spärlicher Form. Aber die Stimmung scheint gut und wir möchten an dieser Stelle kurz zusammenfassen, was in den letzten Tage so passiert ist:

+++ Kurz nach meiner Abreise (siehe den Bericht unten) geht es wie geplant los. Die Fahrzeuge sind mit den schweren Pontons und der sonstigen »Wassersportausrüstung« gnadenlos überladen. Kurz hinter dem Ortsausgangsschild bleibt die erste Ural mit Motorschaden liegen und kann in aller Eile repariert werden.

+++ Wegen der Überladung geht's nur langsam voran. Bis zum Kolyma soll es daher gut eine Woche dauern. Zwischendurch kommt es zu einer Begegnung mit einem Bären. Auf der Flucht vor Meister Petz fällt der Vodka-Vorrat auf die Straße und kann von Johannes heldenhaft gerettet werden.

+++ Die ersten Schwimmversuche zeigen schnell, dass es keine gute Idee ist, wenn jeder für sich alleine auf seiner Amphibien-Ural sitzt: Kaupo wird von einem umhertreibenden Baumstamm gerammt und verliert fast den Anschluss an die Truppe. Umkehren wäre für die Vorausfahrenden selbst in einem Notfall kaum möglich, da die Motoren bei dem Versuch, gegen die Strömung anzukämpfen, überhitzen. Nur mit der Strömung können sie gefahrlos zur Kurskorrektur betrieben werden. Man entschließt sich, die Amphibien-Urals zu einem großen Floß zusammenzufassen.

+++ Reisetempo 8 km/h. Mit Motorunterstützung sind sogar 10 km/h möglich. Links und rechts Nadelwald. Die Temperaturen sind milde.

+++ Mit der Zeit wird die Navigation einfacher. In den ersten Tagen kommt es oft zu Problemen mit Sandbänken, die bis knapp unter die Wasseroberfläche reichen. Strandet das riesige Floß, muss mitten im Fluss abgeladen werden, um die schwere Maschinerie wieder loszubekommen. Aber jetzt hat man langsam einen Blick für Fahrrinnen und Untiefen entwickelt.

+++ Entlang des Kolyma kommt es bei jeder Begegnung mit dort lebenden Einsiedlern oder den Menschen in kleinen Dörfern zum großen Hallo und Trinkgelagen. Ural-Gespanne gehören hier noch zum Alltag und Ersatzteile gibt es überall. Meistens geschenkt.



So sieht ein Nachtlager aus: Die Moskitonetze sind wichtiger Begleiter der Expedition (© leavinghomefunktion)

+++ Endlich Telefonkontakt: »Die einheimischen Urals laufen noch beschissener als unsere. Das beruhigt!«, erklärt Johannes. Die Stimmung scheint hervorragend zu sein. Nur die überfreundliche Bevölkerung führt zu schlaflosen Nächten. Da es auch nachts taghell ist, scheint niemand mehr zu schlafen und so kommt rund um die Uhr Besuch ins Nachtlager. Mit Geschenken. Meistens Ersatzteile und Getränke, aber auch Fisch und Fleisch.
 

5. bis 11. Juni 2016: Einmal Sibirien und zurück


Irgendwo über dem Ural-Gebirge. Seit heute früh sitze ich im Flieger – erst von Berlin nach Moskau, dort den Flughafen gewechselt und von Wnukowo weiter nach Magadan – und ärgere mich, dass nichts so ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Vom Flughafen Wnukowo hieß es im Internet, er sei vollkommen heruntergekommen, und von den Inlandsflügen versprach ich mir klapprige Propellermaschinen vom Typ Antonow. Aber nix da: Wnukowo ist moderner als manch ein hiesiger Flughafen und bietet alles, was man braucht um lange Wartezeiten komfortabel zu überbrücken. Die Maschine, in der ich jetzt sitze, ist eine Boeing 777 ...
Ist das ein Grund, sich zu ärgern? Für mich schon, denn für mich klang die Idee eine Reise nach Sibirien bisher so absurd und abenteuerlich wie eine Reise zum Mond.



Magadan: Einst Gulag, heute einfach nur noch weit weit weg (© Wikipedia)

Erst nach der Landung – nach Stunden des Fliegens über enorm viel Gegend ohne jegliches Anzeichen menschlichen Vorhandenseins – wurde mir bewusst, dass wenigstens für ein paar Tage alles anders sein wird.
Im klapprigen LiAZ-Autobus, der uns über das Rollfeld zum windschiefen Terminal bringt, scheppert russische Folklore aus den Lautsprechern und durch die geöffneten Fenster weht ein laues Lüftchen. Wie an einem sonnigen Tag im Frühling. »Nimm den Bus vom Flughafen nach Magadan«, rät mir Anne am Telefon, »keine Sorge, es gibt nur den einen!«
Nach einer guten Stunde Fahrt durch Nadelwälder und schneebedeckte, kahle Hügel komme ich im Zentrum Magadans an und werde von Elle und Anne begrüßt! Ein großes Hallo, denn immerhin haben wir uns seit Georgien vor mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen.

Das erste, was wir machen, ist: ab in die Werkstatt. So muss das sein, denn das Ziel ist, fünf »wildfremde« Russengespanne in nur einer Woche nicht nur zum Laufen zu bringen sondern auch so umzurüsten, dass sie schwimmen können!
Wegen der enormen Transportkosten von Kanada nach Sibirien gab es keine andere Möglichkeit, als fünf Ersatz-Gespannen direkt in Russland zu organisieren. Für die leavinghomefunktion war das eine harte Entscheidung, denn immerhin hatte sie zu den ursprünglichen Gespannen eine richtige Beziehung aufgebaut. Auch wenn von den Urals, mit denn die Damen und Herren einst in Halle aufgebrochen sind, durch die vielen Reparaturen nicht mehr viel Originales übrig geblieben ist.



Sommer in Magadan: große Freude, neue alte Urals (© Monsenstein und Vannerdat)

Die jetzigen Gespanne sind gleichen Typs: klassische 650er in verschiedenen Ausführungen und allesamt »Inlandsmodelle«. Unter diesem Begriff versteht der Kenner russische Motorräder minderer Qualität, die man seinerzeit nicht für den Export verwenden wollte oder konnte. Alle fünf Gespanne sind vollständig, zwei davon laufen sogar gut ...
Die Werkstatt wurde von den »Polar Owls«, dem ortsansässigen Motorrad-Club zur Verfügung gestellt. Diese gefährlichen, russischen Rocker sollte ich auch noch kennenlernen.
Jetzt erst einmal durfte ich Martin persönlich kennenlernen, der ja im letzten Jahr zur leavinghomefunktion hinzustieß, da seine moderne BMW zusammengebrochen war und er sich spontan von unseren Weltreisenden anstecken ließ und ebenfalls zur russischen Alternative griff.
Martin kümmert sich gerade um die Elektrik von Kaupos neuer Ural, steckt gleichzeitig einen neuen Motor zusammen und hilft Johannes bei der Umrüstung der Gespanne auf den Amphibienmodus.



Martin grübelt übder die korrekte Montage des Hilfsrahmens für die Schwimmkörper nach (© Monsenstein und Vannerdat)

Johannes kämpft derweil mit meterlangen Vierkantrohren aus Stahl, die in den kommenden Tagen auf Länge geschnitten und zu Hilfsrahmen verschweißt werden sollen, die die Propellereinheit für den Antrieb auf Wasser tragen und die ganze Fuhre zwischen den aufblasbaren Pontons fixieren sollen.
Die Konstruktion ist genial und durchdacht: Man entfernt das Hinterachsgetrieb mitsamt Kardanwelle und Hardyscheibe. Auf den eigens dafür überarbeiteten Mitnehmer an der Getriebeausgangswelle steckt man einen Adapter mit Kettenritzel. Unter dem Beiwagen sitzt ein trapezförmiger Rahmen, den man nach unten klappen kann. Dabei greift eine Kupplung ineinander, die wiederum auf einer Welle zwischen Motorrad und Beiwagen sitzt. Eine Kette wird vom Kettenritzel am Getriebeausgang zu dieser Welle und über einem automatischen Kettenspanner und Führungsrollen gelegt. Die Kraft wird über die Zwischenwelle und die Kupplung zu einem weiteren Kettenrad am Hilfsrahmen und von dort aus auf den Propeller übertragen.



Johannes testet den Kettenspanner (© Monsenstein und Vannerdat)

Da die meisten dieser Teile während der Fahrt über Land am Fahrzeug verbleiben, ist die Umrüstung für die knapp 2000 Kilometer den Kolyma runter relativ schnell erledigt. Das gesamte Gespann wird schließlich mittels durchgesteckter Rondrohre zwischen die seitlichen Schwimmkörper gehängt.

Erst spät am Abend ziehen wir uns von den Werkzeugen zurück und laufen die gefühlten zehn Kilometer bis zum Hauptquertier in einem Plattenbau. Irgendwie erinnert die Umgebung an einen Dystopie-Film. Unterwegs wird Bier gekauft und jede Menge Trockenfisch (Hmmm! Lecker!) und dann heißt es erst einmal: erzählen. Bis tief in die Nacht. Dunkel wird es hier ja eh nur für zwei Stunden.



Magadan/Hauptquartier der leavinghomefunktion um Mitternacht
(© Monsenstein und Vannerdat)

Am nächsten Morgen, die Sonne scheint bereits seit vier Uhr in der Frühe, geht es direkt in die Werkstatt. Die weiblichen Expeditionsmitglieder melden sich freiwillig zur Materialbeschaffung auf Schusters Rappen – die Motorräder sind ja noch nicht fahrbereit oder zugelassen – wir Herren schrauben weiter.

Unglaublich, wie die Truppe ohne Absprachen, fast wortlos und in perfekter Harmonie zusammenarbeitet. Jeder kennt seine Aufgaben, niemand kümmert sich egoistisch nur um »seine« Maschine, sondern lässt allen Fahrzeugen die Arbeit zukommen, die man in seinem Zuständigkeitbereich erkennt.
Bei Kaupos Ural sind die Ventile undicht – keine Kompression –, die Vergaser undicht und die Kupplung verklebt. Bei den anderen reichen saubere Einstellung der Vergaser und Zündung und das Beseitigen diverser Kleinigkeiten. Annes Ural bekommt einen neuen Zylinderkopf, da das Kerzengewinde ausgerissen ist. Irgendwann werden wir alle fünf noch zum Laufen bringen. Naja, nicht heute ... erst ganz zum Schluss.

Meine Aufgabe für die nächsten Tage ist das Schweißen der Rahmen. Natürlich gibt es keine (funktionstüchtige) Schutzbrille weit und breit ... Also Augen zu und durch. Ich glaube, so braun gebrannt wie aus Sibirien bin ich noch nie aus einem Urlaub zurückgekehrt. Apropos braungebrannt: Das Wetter ist hervorragend. In der Sonne und im Windschatten ist es herrlich warm, nur der Wind und die Nächte sind kalt. Aber es regnet kein einziges mal in dieser Woche.



Gutes Werkzeug: das A und O eines erfolgreichen Schraubertages (© Monsenstein und Vannerdat)

Die gefährlichen Rocker tauchen dann und wann auf und bringen Zylinderköpfe und andere Ersatzteile vorbei. Eben alles, was man noch so an Uralteilen rumliegen hat. Überhaupt sind die Rocker alles andere als gefährlich. Die Polar-Owls-Kutten sind so sauber und akkurat wie bei uns nur bei Rentner-Motorradfahrern auf geleasten Harleys zu erwarten, die Motorräder glänzen und glitzern und stammen allesamt aus Japan. Die Herren selbst sind die liebenswürdigsten Biker, die ich je gesehen habe. Überhaupt sind alle hier in Magadan ungemein hilfsbereit und nett. Es gibt sogar wildfremde Menschen, die vorbeikommen um uns frisches Bier zu bringen!



Gespanne 1 bis drei werden für die erste Testfahrt betankt (©Monsenstein und Vannerdat)



Gespann 4 ist bereits startklar (© Monsenstein und Vannerdat)

Aber eigentlich möchte ich an dieser Stelle nur über Technik schreiben! Und der geht es nach nunmehr fünf Tagen Intensiv-Workshop so gut, dass die Fahrzeuge zugelassen werden können und die 500 Kilometer bis zum Kolyma schaffen sollten.
Auch um die Zulassung kümmern sich die Polar Owls. Der Beamte bei der Zulassungsstelle reagiert auf das forsch vorgetragene »Guten Tag, ich möchte fünf Ural-Gespanne zulassen!« mit einem fassunglosen »Warum?«.



Magadan geht auch in schön: Auf dem Weg zur Banja der Polar-Owls (© Monsenstein und Vannerdat)

So sitze ich am Ende dieses kurzen Aufenthalts wieder im Flieger – diesesmal ist es eine 747, unter mir der Ural – und bete, dass die Schweißnähte halten! Und dass es klappt, nach Zeitplan aufzubrechen. Am kommenden Montag. Zum Ufer des Kolyma.
 

Mai 2015: Aufgewacht! (Was bisher geschah)

Der Winter ist fast vorbei, nun kann es endlich wieder losgehen ... Fast vorbei? Im Mai? Ganz genau, denn während bei uns alles schon schön grün ist, beginnt Sibirien gerade erst aufzutauen. Zeit, das Winterlager in Vancouver abzubrechen. In wenigen Tagen wird die unerschrockene Truppe mit Sack und Pack nach Magadan zurückkehren und von dort die Etappe 2016 in Angriff nehmen. Mit dem Motorrad. Auf dem Fluss!



Kein Scherz: Der Prototyp für den Kolyma © leavinghomefunktion

Um den Ural-Gespannen das Schwimmen beizubringen, wurde einiges bewegt. Herausgekommen ist zunächst ein Protoptyp mit zwei aufblasbaren Schwimmkörpern und einem Propellerantrieb, der sich bei Bedarf unter den Rahmen hängen lässt.



Volle Kraft voraus: Unter dem Beiwagen hängt der Antrieb © leavinghomefunktion

Originalton leavinghomefunktion: »Tatatata: die erste amphibische Ural – die Flut kann also kommen. Nach monatelangem Tüfteln schwimmt und röhrt sie endlich. Nach einigen Testfahrten auf dem Fraser River in Vancouver bereiten wir uns nun auf den ›Endgegner‹ vor – den Kolyma-Fluss und die Durchquerung Tschukotkas, dem östlichsten Zipfel Russlands. Die Region Tschukotka ist für die meisten Vehikel unzugänglich, einfach aus dem Grund, weil es dort keine Straßen gibt. Der Kolyma ist 250 Tage im Jahr zugefroren und kann als Eisstraße verwendet werden. Eine gemütliche Autofahrt ist darauf trotzdem nicht zu erwarten, bedenke man nur die extremen Minustemperaturen von bis zu -50 Grad! Glücklicherweise können wir das eisfreie Sommerfenster von drei Monaten ausnutzen und mit unseren schwimmenden Ural-Motorrädern den Fluss hinunterfahren.
Der fade Beigeschmack der unzähligen Pannen der letzten beiden Etappen durch Europa, die Türkei, Georgien, Kasachstan, die Mongolei und den Fernen Osten Russlands wird uns noch lang im Mund bleiben. Auch die Flussfahrt wird nicht einfach sein: Wir werden fluchen, schrauben, Probleme lösen aber auch viel lachen und erneut um eine unbezahlbare Erfahrung reicher sein. Wir wollen diesen Fluss runterschwimmen. Wir machen das!
«

Unser Monsenstein-und-Vannerdat-Schrauber-Einsatzkommando hat schon die Koffer gepackt und wird von vor Ort berichten. Mehr in Kürze! An dieser Stelle.
 

Dezember 2015: Sie sind da!

Nun, eigentlich sind die Motorräder schon seit ein paar Tagen – auf dem Seeweg nach Kanada verschifft – angelandet. Die Freude war enorm, als die fünf verbeulten Gespanne endlich in Vancouver eintrafen und konnte nur durch die erste Ausfahrt nach dem Erledigen des Papierkrams gesteigert werden. Jetzt ist die leavinghomefunktion wieder komplett und kann sich weiter auf die kommende Etappe vorbereiten. Wir von Monsenstein & Vannerdat sind natürlich gespannt wie ein Flitzebogen und würden am liebsten selbst vor Ort sein. Doch zuvor verkriechen wir uns in den Winter-Weihnachtsschlaf und hoffen, dass das Christkind ein paar Flugtickets nach Kanada unter den Baum legt.



Das Große Auspacken © leavinghomefunktion

Seit dem 9. Dezember sind die Urals wieder mobil und machen die Straßen in Vancouver unsicher. Ich kann mir übrigens gut vorstellen, dass alle fünf fiebernd auf die erste Panne warten. Es muss ziemlich langweilig in der Zivilisation sein, wenn einen nicht dann und wann ein zünftiger Getriebschaden zurück auf den Boden der Tatsachen holt. Anne zumindest hat »... das gute Stück gleich auf Vordermann gebracht – Bowdenzügen ölen, Vergaser entwässern, Öl nachfüllen usw.«
Einfach schön!



Raureif (ohne Sonne) © leavinghomefunktion



Auftauprozess (mit Sonne) © leavinghomefunktion



29.10.2015: Schlangestehen in Vancouver

Ein Blick in unseren Blog zeigt Entsetzliches: Es sind gut und gerne zwei Monate seit dem letzten Eintrag vergangen! Was ist passiert? Warum hat es so lange gedauert? Leben alle Beteiligten noch?

Keine Sorge, alles ist gut. Dafür aber anders. Vollkommen anders. Heute Nacht gegen 23:00 Uhr (= Mittagszeit jenseits des Großen Teichs) fand sich endlich ausreichend Zeit für ein schönes langes Pläuschchen mit Elle und Anne. Alle fünf, also auch Efy, Kaupo und Johannes, befinden sich jetzt in Vancouver, im »Winterlager« an der Wsetküste Kanadas.

Die letzte Etappe des großen Abenteuers endete – wir haben berichtet – nach der mit Sicherheit anstrengendsten Etappen der Reise vor acht Wochen in Magadan. Aufgrund der russischen Visabestimmungen mussten jetzt alle Expeditionsmitglieder inklusive der Uralgespanne das Land verlassen um später erneut einreisen zu dürfen. Eigentlich eine willkommene Unterbrechung, denn bereits im September rutschen die Temperaturen bedrohlich in Richtung Gefrierpunkt. Im November wird es dann richtig kalt, so kalt, dass das Fahren mit dem Motorrad selbst mit High-Tec-Ausrüstung unmöglich, wenn nicht gar lebensgefährlich wird. Zeit für ein Winterlager!



Nein, nicht in den Booten, in dem Wohnmobil befindet sich derzeit das Zentrale Einsatzkommando der leavinghomefunktion (© leavinghomefunktion)

Nach langem Hin und Her fiel die Wahl auf Kanada, bietet es doch die beste Anbindung zur Verschiffung der Fahrzeuge und gute Chancen, die Monate bis zur Wiederaufnahme des Abenteuers im kommenden Frühjahr mit dem ein oder anderen Job zu verbringen, denn die Reisekasse ist leer. Allein die Kosten für die Verschiffung sind enorm, das Benzin teuer und letztendlich haben auch die vielen technischen Probleme trotz der geringen Ersatzteilekosten große Löcher in die Kasse gerissen.
Von Anfang an war das Projekt als Low-Budget-Expedition geplant und äußerst schwierig zu kalkulieren gewesen. Dank des Engagements der Sponsoren, der privaten Unterstützer und der enormen Eigenleistung nebst des äußerst sparsamen Lebensstils hat es die leavinghomefunktion bis zum geplanten Etappenziel an der Ostküste Sibririens geschafft.
Jetzt sind wir gefragt. Auch Du lieber Leser.

Doch zurück zu unserem Telefonat. »Es ist ein Kulturschock! Nach all der Herzlichkeit und der Einfachheit in der Art zu leben, die wir in den letzten Monaten Kilometer für Kilometer erfahren durften, versteht man die Menschen hier irgendwie nicht mehr so richtig.« Und: »Es ist aber auch wie damals in der DDR – die Kanadier lieben Schlangestehen!«

Sehnlichst wird jetzt die Ankunft der Uralgespanne erwartet. In ein paar Tagen ist es soweit. »Wir vermissen die Karren und können es kaum erwarten, wieder im Sattel zu sitzen!« (Verrückt! Ich glaube, jeder andere hätte sein Gespann längst angezündet und würde schwören, nie wieder Ural fahren zu wollen!)

Übrigens werden wir es wie schon im letzten Winterlager (Georgien) halten und die Truppe in Vancouver besuchen. Dann werden wir auch ausführlichst und an dieser Stelle über die fünf berichten. Jetzt heißt es erst einmal, die leavinghomefunktion kräftig zu unterstützen. Zum Beispiel dutch tatkräftiges »Voten« für einen feinen Kurzfilm, den die Damen und Herren Gespannlenker am Wegesrand gedreht haben und der mit klingender Münze belohnt wird ... werden könnte. Wenn er denn gewinnt.

26.08.2015: Finally Magadan (Магадан)

Wir gratulieren, wir klatschen, wir staunen, wir knieen nieder! Heute morgen (Ortszeit Münster) wurde Magadan erreicht. Die letzte Kilometer ganz entspannt (im Vergleich zur alten Road of Bones) über die neue Straße ... Bilder folgen
 

19.08.2015: Am Rande der Erschöpfung

[Update: Großartige Fotos zu diesem Artikel gibt es hier: Leavinghomefunktion auf Facebook]

Seit nunmehr drei Wochen hatten wir nichts mehr gehört – abgesehen vielleicht von einer SMS vor zwei Wochen. Doch heute klingelt das Handy und Anne ist dran. Wunderbar! Sie steht neben irgendeinem wilden, reißenden Fluss an den westlichen Ausläufern des Kolymagebirges – scheinbar am einzigen Punkt der ganzen Region, an dem es Empfang für Mobiltelefone gibt. Trotzdem ist die Verbindung schlecht. Die anderen befinden sich in der Nähe und sind mit den Motorrädern beschäftigt. Der nächste Ort heißt Jablonewy, vielleicht ist es auch Palatka? Egal, es ist auf jeden Fall weit weit weg. Und leider gibt es keine Möglichkeit, Fotos zu schicken ...



Ungefähr dort, wo der rote Punkt sich aufhält, da müssten sie jetzt sein (© Wikipedia)

Anfang August erreichte das Ural-Team Tomtor, einen kleinen Ort bei Oimjakon (Оймяко́н, Jakutien, laut Wikipedia berühmt als »Kältepol aller bewohnten Gebiete der Erde«) und der Beginn einer mörderischen Strecke, der alten Kolymatrasse, die gerade im Herbst und im Frühjahr als unpassierbar gilt.
Fortan ging es nur noch im Schneckentempo weiter. Manchmal waren nicht mehr als zwanzig Kilometer am Tag drin. Bereits auf den ersten Kilometern brach ein Haltebolzen an Kaupos Beiwagen, worauf dieser komplett abriss und einen üblen Überschlag provozierte. Auf Schlamm fällt man weich, aber der Beiwagen war endgültig hinüber.
Ein freundlicher Lkw-Fahrer half. Die dicken geländegängigen Kamaz- und Ural-Lkw sind die einzigen Fahrzeuge, die mit der Kolymatrasse gut zurechtkommen. Während Kaupos Maschine über die nächsten Kilometer solo gefahren werden musste, kam das Gepäck auf den Truck.
Die Piste wurde in den folgenden Tagen und Kilometern immer schlechter. Es galt Abhänge und umgestürzte Bäume zu überwinden, wassergefüllte Senken und ganze Flüsse zu durchqueren. Oft ging das nicht ohne Hilfe von Seilwinden und Flaschenzügen oder es mussten Bäume gefällt werden, um morsche Brücken zu stabilisieren oder gleich provisorische neu zu errichten.
Und immer dieser Schlamm und das eiskaltes Gebirgswasser. Anne erzählt, dass sie alle ständig durchnässt waren, immer wieder musste man in einen Fluss springen, um zu helfen. Die Strömung war teilweise so stark, dass die Gespanne – mit Seilwinden ans nächste Ufer gezogen – regelrecht wegschwammen. Eine solche Flussüberquerung konnte schon mal zwanzig Stunden in Anspruch nehmen. Immerhin mussten die fünf Gespanne (die ohne Gepäck jeweils 340 Kilo wiegen) vorbereitet (Demontage wasserempfindlicher Teile), durch den Fluss »geschlört« und anschließend »ausgeleert« werden, denn Motor und Getriebe liefen voll Wasser. Danach alles wieder zusammenbauen, Holz suchen und ein Feuerchen machen, um Kleider und Schuhe trocken zu bekommen.

Einen neuen Beiwagen aufzutreiben: Hier im tiefsten Sibirien ein äußerst schwieriges Unterfangen. Aus 230 Kilometer Entfernung musste Kaupos gefühlt zehnter Beiwagen seit Aufbruch in Georgien per Lkw geholt werden. Und aus dem mittlerweile 600 Kilometer entfernten Jakutsk kamen dringend benötigte Federbeine per Post. Mit der schönen Adresse »an die deutschen Motorradfahrer« versehen.
»Uns kennt hier inzwischen jeder! Wir waren im Fernsehen und jeder Ort wartet jetzt auf unser Eintreffen.« Die Russen fiebern mit den verrückten Damen und Herren aus dem Westen, die sich mit mobilem Lokal-Schrott auf Pisten wagen, die ein Einheimischer besser meidet.
60 Kilometer weiter brach die Hinterradaufhängung an Elles Ural und musste im nächsten Ort geschweißt werden. Doch bis dahin wollten auf der Piste liegende Bäume, Flüsse und viel Schlamm überwunden werden.



Nein, das ist keine archäologische Ausgrabung, das ist eine Straße (© leavinghomefunktion)

Seit zehn Tagen haben die Reisenden keine Menschenseele mehr gesehen. Das Essen wird langsam knapp, die selbstgebackenen Brote immer kleiner. Und jetzt geht das Benzin aus.
Ein Team muss los, Essen und Treibstoff holen. Doch der nächste große Fluss bietet eine böse Überraschung: Die Brücke endet mitten im reißenden Strom. Keine Chance, mit dem Motorradgespann das nächste Ufer und somit den nächsten Ort zu erreichen. Also geht es zu Fuß weiter, die leeren Kanister in der Hand.
Schließlich erreichen sie bewohntes Gebiet und fahren die letzten Meter mit dem Bus. Vollkommen verschlammt und klitschnass ein sonderbarer Anblick für die Einheimischen.
Tankstellen gibt es hier nicht, nur sogenannte Benzindepots. Aber es gibt ein Wohnheim. Mit Betten! Und mit Dusche!

Mit einem Ural-Lkw geht es dann zurück zum Fluss. Und mit dem Ural-Lkw sollen dann auch die Gespanne über diesen gebracht werden. Doch das muss noch organisiert werden, was kein Problem darstellt, bei der Prominenz unserer Freunde und der Hilfsbereitschaft der Einheimischen.
Anne meint, alle hätten sich in den letzten Tagen am Rande der Erschöpfung bewegt. Jeden Tag ein neues Hindernis, jeden Tag ein neuer Defekt an den Urals ... Sie sagt aber auch, »die Maschinen sind so geil! Ich liebe meine Maschine!«
Da kann ich ihr nur Recht geben. Auch wenn wir hier an dieser Stelle seit Monaten über Defekte berichten; wir dürfen nicht vergessen, dass die Truppe mit 30 Jahre alten Motorrädern aufgebrochen sind, die nicht mehr als 1500,- Euro gekostet haben, eigentlich schon ab Werk Schrott waren, dramatisch überladen und von »blutigen Anfängern« oftmals kaputtrepariert wurden.
Jetzt allerdings sind aus diesen blutigen Anfängern Profis geworden, die mit Technik und Gegend blind umgehen und die scheinbar nichts mehr schocken kann.



Ural muss auf Ural (© leavinghomefunktion)
 


29.07.2015: ... in der kältesten Großstadt der Erde

Jakutsk (russisch Яку́тск) ist eine berühmte Stadt, denn hier herrschen so große Temperaturunterschiede zwischen Winter und Sommer wie in keiner anderen Großstadt weltweit: Das Thermometer schwankt im Durchschnitt von -40 bis +30°C – aber auch Extreme von über 100°C Unterschied wurden bereits registriert.

Jetzt aber herrschen dort angenehme 25 Grad und unsere Moped-Gang ist bereits seit ein paar Tagen vor Ort. Wo genau? Hier (roter Punkt):




Gerne wären wir jetzt dort. Doch würden wir heute losfliegen, wäre die Truppe bei Ankunft bereits auf der »Road of Bones« unterwegs nach Magadan (grüner Punkt) (© Wikipedia)

Auf jeden Fall wurden Efy, Elle, Anne, Johannes und Kaupo, Martin und Kim dort mit großem Hallo empfangen. Nicht unbedingt mit einer Konfettiparade, aber mit einer kostenlos zur Verfügung gestellten Garage und einer beispiellosen Hilfsaktion: Jeder, der noch ein paar Uralteile im Keller hat, wurde gebeten, diese doch bitte vorbeizubringen. Am Ende des Tages kamen ganze Motoren, neue Kolben, Vergaser, Getriebe und lauter nützlicher Kleinkram zusammen. Jetzt können die fünf Gespanne generalüberholt und für die »Road of Bones« (die Kolyma-Trasse, sie führt weiter nach Osten) fit gemacht werden.



Schrauber's Paradise im traditionellen Jakutsk-Stil (© leavinghomefunktion)

Doch zuvor gab es natürlich wieder reichlich Gelegenheit zum Schrauben. Nur ein Beispiel: Am 12. Juli klingelt das Telefon. Irgend etwas stimmt nicht mit Martins Motor (oder war es Kaupos? Egal): Er springt gut an, läuft rund im Leerlauf, hat aber keine Leistung und der rechte Zylinder verkokt ständig. Alle Versuche, das Problem zu beheben, verliefen erfolglos; trotz neuer Zylinderköpfe und sorgfältigster Zündungs- und Vergasereinstellung bessern sich Leistung und Zündkerzenbild nicht.
Vielleicht ist die Nockenwelle um einen Zahl versetzt und die Steuerzeiten stimmen nicht? Selbst das wurde bereits kontrolliert ...

Keine zwei Tage später erreicht mich dann folgendes Bild, das ich gerne in voller Größe darstellen möchte. Denn so etwas habe ich auch noch nicht erlebt:



Stirnrad-Splitterbruch (© leavinghomefunktion)

Das Stirnrad der Nockenwelle hat es zerdeppert. Zuvor war es lose und konnte sich auf der Nockenwelle frei verdrehen. Das war dann auch der Grund für die Probleme mit dem Motor, die Steuerzeiten veränderten sich willkürlich.

Wieder einmal ziehen wir den Hut vor den Reisenden. Wer wäre sonst in der Lage, die fast täglichen und teilweise kapitalen Pannen mit solch stoischer Ruhe zu ertragen? Kaum jemand! Doch der Lohn dieser Tortur ist ein absolut einzigartiges Abenteuer, das kaum jemand wird wiederholen können (oder wollen). Und es ist zugleich eine vergleichswert preiswerte Expedition ins Ungewisse, die schon jetzt zu unzähligen Freundschaften und großen Momenten entlang der Route geführt hat. Auf »normalen« Reisen mit »normalem« Equipment wäre man an all diesen Erlebnissen einfach vorbeigerauscht.



09.07.2015: ... Neues aus Sibirien

Auf dem Weg nach Mogotscha (Могоча) in der Region Transbaikalien findet sich wieder etwas Zeit, über unsere Pannenstatistik zu philosophieren. Vor ungefähr vier Wochen gab es den letzten Bericht mit der erfreulichen Färbung, dass die katastrophalen technischen Zusammenbrüche seltener werden. Das hat sich bis heute nicht geändert. Allerdings bedeutet das nicht, dass alles reibungslos verläuft. Noch immer gibt es Ausfälle jeglicher Art zu verbuchen und jede Menge spannender Geschichten zu erzählen. Doch zunächst einmal zur wichtigsten Frage: Wo zum Teufel ist Mogotscha? Hier (roter Punkt):



Transbaikalien! Welch ein Name. Hat was von Transsilvanien, ist aber weiter weg und weniger unheimlich (© Wikipedia)

Und wie sieht eine Ural nach Zigtausend Kilometern durch Wüsten, Steppen und Tundren aus? Hier:



Die »Grüne Elise Lindenhorn 3.0« nach drei Monaten und rund 10.000 Kilometern (© leavinghomefunktion)

Naja, das ist ein wenig gemogelt, denn es handelt sich – der Kenner hat es schon bemerkt – um Kaupos Motorrad, das ja mehrmals komplett zerlegt und wie einst Frankensteins Monster aus jeglichen verfügbaren (Leichen)Teilen wieder zusammengesetzt werden musste. Und diese Teile sahen ganz gewiss nicht neu aus, als sie an Kaupos Maschine geschraubt wurden.

Dass in den letzten Wochen wieder zwei Getriebe kapitulierten (eine gebrochene Schaltgabel und ein defekter Kickstarter), dass sich wieder einmal Kupplungsschrauben gelöst haben ... das sind mittlerweile nur noch Randnotizen. Reine Routine. Keiner Rede wert. So zumindest empfinde ich es am Telefon und das zeigt deutlich, wie sehr die fünf die vielen Pannen als ständigen Reisebegleiter (und »Door opener« bei der Bevölkerung) akzeptiert haben.



Eins, zwei, drei, vier, fünf ... Da stimmt doch was nicht! Wo kommt die blaue her? (© leavinghomefunktion)

Eine der schönsten Geschichten zum Thema »Reisen mit russischem Schrott« ist für mich »Martins Auftritt«: Neben den beiden Kolumbianern und ihren Kawasakis stieß kürzlich auch Martin mit seiner BMW zu unserer Truppe, einer modernen GS, die ja allgemein als das Reisemotorrad überhaupt gefeiert wird. Martins BMW blieb dann mit einem Getriebschaden liegen, irgendwo in Sibirien. Und nun fährt Martin ebenfalls Ural! Er hat kurzerhand seine BMW verkauft, sich schnell ein Russengespann (das ihm viel besser gefällt) geholt und ist unseren Freunden hinterhergedüst. Ein weiser Mann, der Martin!



Zerfetzte Kotflügel, abgefahrene Reifen (© leavinghomefunktion)


11.06.2015: ... Wellblech auf der Piste



Die Wüste Gobi. So stellt man sie sich vor. Und so sieht sie auch aus (© leavinghomefunktion)

Die Telefonate mit unseren fünf Moped-Helden werden seltener. Das kann man auch an dieser unseren Berichterstattung erkennen. Für das lange Schweigen gibt es allerdings zwei gute Gründe: Zum einen geht weniger kaputt, zum anderen wird es für Elle, Anne, Efy, Kaupo und Johannes immer schwieriger, ein Netz für die Mobiltelefone zu finden. Doch heute hat es wieder geklingelt und die Freude ist groß!
10:00 Uhr ist es in unserem beschaulichen Münster, 17:00 in Altai – mal schnell nachschauen: (mongolisch Алтай) ist die Hauptstadt der westmongolischen Provinz Gobi-Altai, so Wikipedia – und dort gibt es Empfang. Allen fünfen geht es gut, die Stimmung scheint bestens. Und in Wirklichkeit ist die Gruppe gewachsen, denn seit einiger Zeit bummeln zwei geduldige Kolumbianer auf Kawasakis hinterher. »Geht bei denen auch was kaputt?«, ist meine erste Frage. »Die hatten schon einen Platten, ungefähr in dem Moment, als bei Johannes' Ural die Nockenwelle verbog. Auf 2600 Metern Höhe, bei Schnee und Eis und neugierigen Yaks.«

Die Katastrophen der vergangenen drei Wochen aufzulisten, würde den Platz in diesem Blog sprengen. Außerdem wird es ja später noch ein dickes Buch geben, in dem man alles nachlesen kann.
Anne erklärt mir aber gerade, dass es lustigerweise richtige »Phasen« gab habe, in denen zeitgleich dieselben Baugruppen zu Bruch gingen. Ganz am Anfang waren es die Kolben, dann die Getriebe, später die Elektrik und jetzt, ganz aktuell, machen die Reifen Ärger. Eine Entwicklung zum Positiven hin, würde ich sagen.
Noch in Kasachstan musste Kaupos Kabelbaum gewechselt werden, das geschah stilecht bei strömenden Regen in der Steppe. Hut ab!

Die Mongolei bietet neben atemberaubenden Landschaften ganz andere Überraschungen: Wellblechpisten. Der erfahrene Weltenbummler weiß, dass es sich dabei nicht um Straßen aus Metall, sondern um Schotter- oder Sandwege handelt, auf denen sich regelmäßige Bodenwellen quer zur Fahrtrichtung gebildet haben. Ähnlich einem Waschbrett oder eben wie ein Wellblech. Diese Pisten rütteln die Fahrzeuge derart durch, dass die Vibrationen alles zerstören – auch bei modernen High-Tech-Fahrzeugen ist das ein enormes Problem. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Vollgas oder gaaaanz langsam.
Die Urals schlagen sich auf diesem Untergrund erstaunlich gut. Zwar zerbröseln Schutzbleche, Scheinwerferhalterungen, Gepäckträger und Beiwagenaufhängungen, die Technik aber überlebt. Regelmäßiges Schraubennachziehen und großzügiger Einsatz von Gaffertape und Kabelbindern hilft, die Kluft zum nächsten Schweißgerät zu überbrücken.



Welch schöner Anblick: Mongolisches Ölregal mit einer Ausgabe von »Mit Hammer und Schlüssel« im Vordergrund. Unser Buchbinder ist schon ganz gespannt, wie die Taschenbuchausgabe nach 30.000 Kilometern aussehen wird (© leavinghomefunktion)

Die Strecken durchs absolute Nichts, ohne eine Menschenseele, ohne Wasser, Öl und Benzin, werden jetzt häufiger. In letzter Konsequenz müssen die Gespanne noch mehr beladen werden. Auch Schokolade oder Bier sind kaum noch aufzutreiben. Langsam wird es also gefährlich!

Kaupo hat jetzt übrigens einen neuen Seitenwagen. Der alte – damals in Tiflis besorgt (siehe weiter unten:, 27. bis 29.03.) – hat die Wellblechpisten nicht überlebt ...

»Am Anfang haben mir Schlaglöcher und Holperwege nichts ausgemacht. Inzwischen nervt's!«, so Anne. »Wir haben jetzt eine asphaltierte Strecke von gut 150 Kilometern vor uns, auf die wir uns riesig freuen! Das wird schön! Danach kommen wieder 300 Kilometer Wellblech.«

Wenn wir einen hätten, würden wir unseren Verlagshubschrauber schicken und Schokolade, Bier und Kabelbinder über der Steppe abwerfen.



21.05.2015: Grüße aus der Kasachensteppe

Viel Zeit ist vergangen seit unserem letzten Eintrag. Nun mag man vielleicht denken, keine Nachrichten sind gute Nachrichten! Doch weit gefehlt. Das Schraubermartyrium ging und geht weiter und oft haben wir telefoniert und gemeinsam gerätselt, was jetzt wieder kaputt sein könnte. Mittlerweile saust die Truppe durch die Kasachensteppe, doch bis dorthin ist einiges zerbrochen. Ich fasse einmal die letzten Wochen zusammen:

Mitte April




Schöner Schrauben: Ursachenforschung an Kaupos Ural (© leavinghomefunktion)

Der Weg von Tiflis zur russischen Grenze stellt sich als schier unüberwindbar heraus. Schwer beladen müssen die Gespanne rund 2000 Höhenmeter überwinden und als erstes bleibt Johannes' Maschine aus zunächst unerklärlichen Gründen liegen. Ein Zylinder hat plötzlich keine Kompression mehr. Nach altbewährtem und gut einstudierten Prozedere wird der Zylinderkopf demontiert und siehe da, ein Ventil ist krumm. Opfer zu hoher Drehzahlen, vermutlich bei einem Überholvorgang in den Serpentinen.



Touché: Das Auslassventil hat den Kolben berührt (links) (© leavinghomefunktion)

Mit neuem Ventil geht es weiter. Aber nicht viel weiter ... Wieder ist es Johannes' Gespann. Zunächst sieht es so aus, als ob »lediglich« der Fliehkraftversteller defekt sei. Er hat sich in seine Bestandteile aufgelöst, seine Gewichte verloren, Gehäuse und Kondensator zerschlagen, ist abgebrochen. In der Nockenwelle steckt jetzt der Rest der Befestigungsschraube. Mit den Bordwerkzeugen lässt sich das leider nicht so einfach beheben. Auch ein neuer Kondesator muss her. Die Reserve-Kondensatoren - mühsam in Georgien zusammengeklaubt - sind durch die Bank weg defekt.

Mitten in der Nacht kommt Hilfe aus Tiflis: Sandro der Dnepr-Experte. Im Gepäck hat er passendes Werkzeug, mehrere Kondensatoren, Wodka und Schokolade, was Maschine und Fahrer gleichermaßen wieder zum Laufen bringt. Immerhin gelingt es, die abgebrochene Schraube zu entfernen und einen neuen Fliehkraftregler aufzusetzen. Somit ist der Weg nach Russland für Johannes' Maschine und zu einer neuen, elektronischen Zündbox überbrückt. Aber gut laufen will der Motor einfach nicht mehr. Vielleicht ist die Nockenwelle krumm?

Kaupos grünes Monstrum bleibt dann am nächsten Tag mit leerer Batterie und kaputter Lichtmaschine liegen (Foto ganz oben) ...


Endlich geschafft: Russland! Ersatzteilland! Trotz einiger Querelen an der Grenze steigt die Stimmung. Das Ziel heißt »Astrachan«, denn dort – so hat man der Gang gesteckt – gäbe es reichlich Ersatzteile. Die Distanz: 800 Kilometer!!! Das müsste doch zu schaffen sein!

Kurz vor Beslan, direkt hinter der Grenze, erwischt es dann Annes Ural ...

Nach Demontage der Zylinder steht schnell fest, dass die Kurbelwelle hinüber ist. Das lässt sich nun wirklich nicht mehr provisorisch hinbiegen. Mit dem Abschleppseil wird Annes Gespann kurzerhand nach Beslan gezogen. Hier gibt es gute Kontakte zu einer »Schrauberfamilie«, die die Truppe bereits im vergangenen Jahr kennengelernt hat. Leonid heißt das Familienoberhaupt und ihm steht zu, die kränkelnde Ural zu heilen. Das geschieht nach alter russischer Sitte mit dem besonders groben Werkzeug und zwar ruckzuck. Nach einer halben Stunde ist alles zerlegt und die Kurbelwelle ausgebaut. Prognose: Wellenbruch! Doch zum Glück liegt eine nagelneue, noch originalverpackte zur Hand.



Johannes, Leonid und Annes Motörchen (© leavinghomefunktion)

In der Zwischenzeit schrauben Johannes und Kaupo auch an ihren Karren. Johannes musste vor Kurzem seine guten Mikunivergaser gegen die russischen Blechschieber tauschen, da sich der dazugehörige Gummi-Ansaugstutzen aufgelöst hatte. Doch auch hier hat Leonid Passendes auf Lager.

Kaupo hingegen tauscht Getriebe und Lichtmaschine und baut sich gleich auch eine elektronische Zündung ein. Die sollte ja besser sein. Was kann jetzt noch schiefgehen? Ganz einfach: Das Motorrad will partout nicht mehr anspringen. Trotz der neuen Zündung und einer vollen Batterie ...

Auch Annes frisch überholtes Motorrad verweigert den Dienst! Nicht einmal Anschleppen hilft. Also wieder zum Werkzeug greifen und erneut Ursachenforschung betreiben. Letztendlich sind es die Ventile: Irgendwer hat in der Eile in die falsche Kiste gegriffen und Einlassventile anstelle der kleineren Auslassventile eingesetzt. Mit passenden Ventilen läuft der »neue« Motor schließlich ausgezeichnet!

Bei Kaupo sieht es gar nicht gut aus. Hier wütet der Kupferwurm so unbarmherzig, dass ohne größeren Arbeitseinsatz nichts mehr zu retten wäre. Und wie immer drängt die Zeit, Kaupos Visum läuft ab, die Truppe muss nach Kasachstan. Auch Leonid ist nach dem stundelangen Geschraube mit den Nerven am Ende und hat keine Lust mehr. Ist das das Ende unserer »Grünen Elise« aus der Fernen Müritz?

Ein Nachbar kommt als rettender Engel und erklärt sich bereit, seine eigene Ural zu opfern. Schnell werden ein paar Teile getauscht - naja, eigentlich alle Teile - und die neue »Grüne Elise Lindenhorn« ist startklar!



Grüne Elise Lindenhorn 2.0 (© leavinghomefunktion)

Die letzten Kilometer bis zur Grenze nach Kasachstan verlaufen verdächtig gut. Sollte das große Schrauben ein Ende haben und alle Kinderkrankheiten gelöst sein?

Dann trifft es Elles »Ural Untyp«, der mitten in Astrachan – einer Stadt in der Grenzregion, zwölf Stunden bevor das Visum ausläuft – heftig zu rattern beginnt und mit einem Ruck stehenbleibt. Per Kickstarter lässt er sich nicht mehr drehen. Elle läuft es kalt den Rücken runter: Sollte es erneut ein Kurbelwellenbruch sein? Und auch hier kommt Hilfe zufällig und in Form eines Kleinbusses voller hilfsbereiter Jungs vorbei. Gemeinsam schleppt man Elles Maschine in ein Industriegebiet.
Glücklicherweise ist der Schaden gering. Es haben sich die Kupplungshalteschrauben gelöst, die am Getriebegehäuse geschliffen und den Motor schließlich blockiert haben.

Anfang Mai




Irgendwo im Nirgendwo (© leavinghomefunktion)

Jetzt sind alle fünf in Kasachstan. Das ist gut. Das Telefon klingelt. Das ist nicht gut. Zumindest in Bezug auf die Technik. Und wie sollte es auch anders sein, wieder geschehen merkwürdige Dinge. Zunächst nur mit Annes Motorrad. Scheinbar geht in regelmäßigen Abständen der Motor fest und zieht die Fuhre nach links. In der Steppe ist es 35 Grad heiß und es herrscht so kräftiger Rückenwind, dass es praktisch keinen Fahrtwind gibt. »Es bewegt sich nicht mal die Frisur, wenn man ohne Helm fährt«, berichtet Johannes. Für die luftgekühlten Boxer ist das Gift.
Aber trotzdem dürfte sich ein Kühlungsmangel nicht so extrem auswirken ... Die Ursache ist nach einer Weile gefunden: eine lockere, sich verstellende Zündung. Leider hat dieses Problem nicht nur zu heftigen Hitzewallungen im Motor und Kolbenklemmern geführt sondern in letzter Instanz auch zu einem Loch im Kolben.

Apropos Kolben: Auch Kaupos »neue« Maschine neigt zu rätselhaften Klemmern. Aber hier ist die Zündung korrekt eingestellt und auch sonst lassen sich keine Erklärungen für das Phänomen finden.
Später bleibt die »Grüne Eliese Lindenhorn 2.0« liegen. Wieder einmal wird das Werkzeug ausgepackt, wieder einmal muss der Motor auf der Suche nach einem Fehler auseinandergenommen werden. Und es sieht nicht gut aus. Äußerst verdächtig sind zwei Kennzeichnungen auf den beiden Kolben, denn diese sind unterschiedlich und das kann nur eine Erklärung haben: Ein falscher, zu großer Kolben ist montiert. Das führte bei der mangelnden Kühlung erst recht zu Klemmern und leider ist dies auch der Grund, warum Kaupos Kurbelwelle jetzt zu Bruch gegangen ist. Mitten im Nirgendwo ...

Rettung naht in Form eines Rockerclubs und eines Lkw, der Kaupos Eliese auflädt und mit einem Teil der Truppe zur nächsten Motorradwerkstatt vorfährt. Für die Zurückbleibenden eine gute Gelegenheit, ein echtes kasachisches Steppen-Unwetter zu überleben. Doch das ist eine andere Geschichte ...



Wo schlagen die Blitze lieber ein? Masten, Maschinen oder Meschen? (© leavinghomefunktion)

Schön und ausführlich nachzulesen: Hier und hier und hier


07.04.2015: ... doch nicht alles gut

Per E-Mail erreicht uns ein besonders schönes Foto mit Fragmenten, das wir jedem versierten Schrauber nicht vorenthalten möchten. Mittlerweile konnten beide Schaltboxen gegen ein M72-Getriebe und ein moderneres Ural-Exemplar ausgetauscht werden.



Wie sich das wohl angehört hat? Oben: Zähne (Zahnrad); unten: Schaltgabel (© leavinghomefunktion)



31.04.2015: Alles gut

Eine gute Nachricht, die da aus der Ferne kommt. Johannes verkündet, er habe mit Kaupo mal wieder eine Getriebe-Schrauber-Sitzung einberufen und gleich zwei Stück erfolgreich reparieren können. Eine defekte Welle und eine wackelige Schaltmechanik wurden mit Teilen aus dem Schlachtgetriebe ersetzt. Jetzt stehen allen Gespannen wieder alle Gänge zur Verfügung. Morgen geht es los. Gutes Fahrt!
 


27. bis 29.03.2015:

Kardanwellen kürzen

Wieder in Tiflis. Endlich! Heute in aller Frühe sind wir - die Gebrüder van Endert - gelandet und wurden vor dem Flughafen von Elle, Anne und Johannes herzlichst empfangen. Anschließend ging es per Uralgespann zum Winterlager in Tserovani und selbstverständlich war die Nacht noch lang. Sehr lang. Schließlich galt es, Kaupo kennenzulernen.
Unser Auftrag für diese drei Tage in Georgien: die »Grüne Eliese« in Empfang nehmen. Das Containerschiff liegt bereits im Hafen in Poti und Kaupo kann es kaum erwarten, sein Mobil für die nächsten 25.000 Kilometer auszuprobieren.
Wir sind auch neugierig, wie es den anderen Urals geht. Bereits bei unserem letzten Besuch drehte sich auf dem Techniksektor alles um Getriebeprobleme. So soll es auch heute sein (und in den nächsten Tagen). Die Getriebe stehen mit dem schweren Gepäck, den vielen Steigungen und den schlechten Straßen unter einer enormen Belastung, klar, dass etwas kaputt gehen kann.
Während das ZDF die Moped-Truppe mit Kamera und Mikrofon belagert, vertreiben Marc und ich uns schon mal die Zeit mit einem krummen Ventil, das ein Opfer hoher Drehzahlen wurde und den Kolben touchiert hat. Die Ventilfedern sind im Laufe der Zeit butterweich geworden und lassen sich ohne Werkzeug zusammendrücken! Aus Mangel an Ventileinschleifpaste nehmen wir Atta. Das funktioniert! Ein Lob auf das weiche russische Material.



Für das Fernsehn schon mal probegepackt (© monsenstein & vannerdat)

Erst spät abends schaffen wir es, uns dem Getriebe aus Annes Maschine zu widmen. Unsere Reparatur vor rund sieben Wochen war nur von kurzer Dauer; der zweite Gang lässt sich nicht mehr einlegen. In den letzten Wochen hatte sich dann auch noch das Getriebe von Johannes' Maschine mit einem hohen Kreischen verabschiedet und musste gegen das (einzige) Ersatzgetriebe ausgetauscht werden. Anne fährt seitdem ohne zweiten Gang, Johannes ohne Rückwärtsgang.
Ohne Ersatzteile - und die lassen sich in Georgien bekanntlich kaum auftreiben - hat man eigentlich keine Chance, solch komplexe Reparaturen durchzuführen.
Vor ein paar Wochen gab es hingegen Probleme mit einer verschlissenen Verzahnung der Kupplungsscheiben. In diesem Fall konnte man passende Sscheiben finden.

Zunächst wollen wir es aber mit einem kompletten Dnepr-Getriebe versuchen. Dnepr-Getriebe haben einen guten Ruf. Die leavinghomfunktion konnte eines günstig bei einem Teile-Messie rund 100 Kilometer von Tiflis entfernt auftreiben. Ein Problem bereitet das rund 1,5 cm längere Getriebegehäuse; die Kardanwelle der Ural muss entsprechend gekürzt, die Zentrierbohrung am abgesägten Ende neu gebohrt und ein passender Anschlag für den Mitnehmer aufgeschweißt werden. Tatsächlich lässt sich die Ural-Kardanwelle ruckzuck zerschneiden. Das erledigt Kaupo mit einem alten Sägeblatt (ohne Griff). Ein Hoch auf das weiche russische Material.



Eine (fast) erfolgreiche Transplantation: Dnepr-Getrtiebe (Mitte) in Ural (drumherum) (© monsenstein & vannerdat)

Nachdem wir schließlich das halbe Motorrad zerlegt und zersägt haben, meldet Johannes berechtigte Bedenken an: Der Aufwand ist zu groß für die 80 Kilometer, die die leavinghomefunktion noch von Russland und den dortigen Ersatzteilquellen trennen. Auch wenn ein Dnepr-Getriebe besser ist und länger hält: geht es in Russlnad kaputt, gibt es dort keine Teile und es müsste wieder auf Ural zurückgerüstet werden. Da hat er recht. Genug geschraubt für heute Abend.

Die Post ist da!

Ein Team ist in aller Hergottsfrühe nach Poti aufgebrochen, Kaupos Motorrad abholen. Das sind hin und zurück rund 700 Kilometer. Wir - Elle, Efy, Kaupo, Marc und ich - fahren etwas später los, nach Tsnori, mit einem von Kumpel Giga (aus Georgien) geliehenen Auto mit Dachgepäckträger, und holen Kaupos Beiwagen ab.
Ein wunderschönes Land, Georgien. Einzig der allgegenwärtige Plastikmüll um Tiflis herum trübt den Ausblick. Doch das ist vergessen, als wir endlich das Teilelager des besagten Teile-Messies erblicken: Hier liegen Jahrzehnte reger Schraubertätigkeit auf großen Haufen und in wackeligen Regalen. Zirka 90% davon sind defekte Dnepr-Teile, etwa 9% irgendetwas und rund 1% defekte Ural-Teile. Der Beiwagen sieht aus, als hätte man ihn als Feuerschale und übergroße Ölauffangwanne zweckentfremdet. Dafür hat er nur 25,- Euro gekostet.
Der von schwerer Krankheit gezeichnete Verkäufer holt noch ein paar Kleinteile aus seiner Schatzkammer: Fliehkraftregler, Blinkergläser ... was man halt so gebrauchen kann.

Die Aktion kostet uns fast den ganzen Tag. Wir kommen nur knapp eine Stunde vor Anne und Johannes zurück, die in ihrem Mietwagen die grüne Ural aus Deutschland angeschleppt haben. Die Abholung im Containerhafen hat ausnahmsweise recht reibungslos geklappt.



Noch im Transporter: Die grasgrüne 650er ist da! (© monsenstein & vannerdat)

Doch bevor wir uns dem neuen Fahrzeug widmen, muss Annes Getriebe zerlegt werden. Kaupo, Johannes, Marc und ich ziehen uns mit reichlich Bier in die Werkstatt zurück, werfen den Kohleofen an, bereiten den berühmten »Werkbank-Baumstumpf« vor und beginnen mit der Reparatur. Scheinbar ist nur eine Schaltgabel verschlissen und wird durch ein Teil aus Johannes' Getriebe ersetzt, bei dem wiederum ein Teil der Schaltmechanik abgebrochen ist - ohne Ersatzteil ein Fall für den Schrottkübel. Nach wenigen Minuten ist die Arbeit erledigt - das ist schon Routine - und wir ziehen uns in den »Bunker« zurück. »Doktor Monse« und »Doktor Pantel« warten bereits.

Medizinmänner

Ein solches Abenteuer ist nicht nur eine Belastung für die Maschinen sondern auch für die Fahrerinnen und Fahrer. Das ist klar. Jetzt, wo die lange Etappe durch Russland/Sibirien beginnt, wird es ernst. Verleger Johannes Monse hat sich um die medizinische Ausrüstung gekümmert und ein Notfallset nach Militär-Standard zusammengestellt, nebst allerlei lebenswichtiger Notfallmedikamente. Es ist 23:00 Uhr Ortszeit (20:00 Uhr in Deutschland) und Hannes und Paulus (DRK) sind per Skype live zugeschaltet. Der Unterricht beginnt.



Liveschaltung mit Paulus (links auf dem Monitor) und Hannes (rechts auf dem Monitor) (© monsenstein & vannerdat)

Zwei Stunden später ist die Einweisung in den beeindruckenden Notfallkoffer und die Unterrichtung in dessen Verwendung im Ernstfall beendet. Das ging weit über die üblichen Erste-Hilfe-Kenntnisse hinaus und erzeugt bei der leavinghomefunktion irgendwie ein beklemmendes Gefühl: Das ist kein Urlaub, was dort noch kommen wird.

Kaupos »Grüne Eliese«

Unser letzter Tag. Heute muss geschraubt werden, was das Zeug hält. Noch vor dem Frühstück sitzen, kauern und hocken alle vor ihren Motorrädern - in der einen Hand der Kaffee, in der anderen der Schraubenschlüssel. Anne und Johannes haben bereits das notdürftig geflickte Getriebe von gestern eingebaut, Elle und Kaupo montieren gerade die stabilen und nach eigenen Entwürfen in Tiflis angefertigten Spezial-Gepäckträger.



Als ob's Erstausrüsterqualität wäre: die georgischen Monstergepäckträger (© monsenstein & vannerdat)

Die grüne Ural ist nach näherer Betrachtung nicht ganz so schlimm wie anfangs befürchtet: Ein neuer Zylinderkopf, neue Nadelventile in den Vergasern, die Zündung eingestellt, neue Kerzenstecker und Zündkerzen und schon springt die Fuhre an. Das Getriebe allerdings ist eine Katastrophe, die Schaltwege sind extrem kurz und die Gänge lassen sich nur mit viel Gefühl durchschalten. Tritt man zu beherzt auf die Schaltwippe, landet man wahllos in irgendeinem Gang. Jetzt ist auch klar, wo das scheppernde Geräusch bei der Probefahrt in der Müritz herrührte: Es ist kein Öl im Getriebe. Sehr verdächtig.
Der mechanische Regler ist vollständig verrostet. Nach dem Austausch gegen einen elektronischen funktioniert auch die Elektrik wieder.



Marc legt letzte Hand an die Elektrik (© monsenstein & vannerdat)

Abends steht Kaupos »Gründe Eliese« endlich wieder auf drei Rädern. Alle Fahrzeuge sind mit der zusätzlichen Gepäckbrücke ausgerüstet und die Motoren laufen wunderbar.
Was bleibt sind die Getriebeprobleme. Anne kann jetzt zwar alle Gänge benutzen, doch will der Rückwärtsgang bei jedem Schaltvorgang mit einspuren und macht dabei einen furchterregenden Lärm. Bei Kaupo läuft das frisch eingefüllte Öl gleich wieder aus einer defekten Dichtung und die Gangsuche bleibt weiterhin reine Glückssache.

Drei Tage vor dem großen Aufbruch, vor Beginn der nächsten Etappe verlassen Marc und ich Georgien mit gemischten Gefühlen. Es wäre schön gewesen, hätte man alle Fahrzeuge tipptopp in Ordnung bringen können. Doch konnte es trotz der vielen helfenden Hände nicht gelingen. Die leavinghomefunktion sieht das Ganze deutlich gelassener als wir: »Notfalls schleppen wir die Karren über die Berge. Sind wir erst einmal in Russland, können wir uns in aller Ruhe Ersatzteile besorgen!«
Stimmt! Deshalb fahren die fünf ja auch Ural und nicht BMW.

19. bis 20.02.2015: Ein Motorrad kaufen ...

Jetzt, wo sich Lisa und Sven nach reiflicher Überlegung entschlossen haben, nur die erste Etappe des Höllenritts zu begleiten und mit ihren beiden Gespannen bereits auf dem Rückweg sind, warten alle gespannt auf das Eintreffen von Kaupo Holmberg, der am 11. März mit Sack und Pack in Tiflis eintreffen wird. Zeit genug, sich um das passende Gefährt für Kaupo zu kümmern. Das sollte nur 80 Kilometer von Russland entfernt doch kein Problem sein, oder?
Leider stellt sich die Beschaffung des zusätzlichen Motorrads als äußerst kompliziert heraus. In Georgien fährt man Dnepr, nicht Ural. Das mag an dem gespannten Verhältnis Georgiens zu Russland liegen, aber auch an der Nähe zur Ukraine. Die Dnepr kommt schließlich aus Kiew. Eine Ural aus Russland zu importieren, ist trotz der Nähe ein Ding der Unmöglichkeit - eben wegen der gespannten Lage. Und letztendlich soll das Gespann ja auch in Deutschland zugelassen werden.
Auch wenn Dnepr und Ural eng miteinander verwandt sind, lassen sich nicht alle Einzelteile untereinander tauschen. Eine Dnepr in der Ural-Herde würde demnach zusätzliche Ersatzteile und somit mehr Gewicht bedeuten. Und in Russland wäre es nicht mehr ganz so einfach, Hilfe beim nächsten Dorfschmied zu bekommen.

Was bleibt, ist eine der sicherlich bescheuertsten Aktionen, die man sich vorstellen kann: Eine Ural in Deutschland kaufen und auf dem Seeweg nach Georgien schicken. Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen: Die Damen und Herren der leavinghomefunktion sitzen quasi auf der Grenze zum Ewigen Quell aller Russengespanne und müssen sich eins »per Post« aus der Heimat schicken lassen! Sehr schön. Da bin ich doch dabei.

Vielleicht ist keine Saison? Oder alle verfügbaren Urals wurden von der leavinghomefunktion bereits aufgekauft? Auf jeden Fall gibt es derzeit einfach keine vernünftigen Angebote und selbst Gernot (Moto Moscow) oder Jürgen (Ural-Team Oberhausen) haben nichts Passendes auf Lager. Dneprs hingegen gibt es auch bei uns in rauen Mengen.



Die Wahl der Ural: der Beiwagen bleibt daheim (© monsenstein & vannerdat)

Lediglich im fernen Osten, an der Müritz, werde ich fündig: Eine Ural mit TÜV, fahrbereit, ein 650er Modell von 1988. Der Preis ist attraktiv, der Verkäufer nett. Also besorge ich mir ein passendes Einsatzfahrzeug und Anne schließt sich mit einer georgischen Transportgesellschaft kurz, die das Motorrad ab Hamburg überführen soll. Leider muss es ohne Beiwagen auf Reise gehen, ansonsten würde der Transport Unsummen kosten.
Nach knapp 600 Kilometern im Miet-Transporter stehe ich vor der grasgrünen Ural auf einem Hühnerhof im absoluten Nirgendwo. Ein Tritt auf den Kickstarter und die Mühle läuft. Und hört sich dabei an, als wenn jemand einen Schwung Schraubenschlüssel in einen Betonmischer geworfen hätte. Schrott!
Immerhin, die Fuhre bremst, blinkt, hupt und hat tatsächlich TÜV. Aber mir wird klar, dass dieses Fahrzeug ohne intensive Zuwendung nicht einmal von Tiflis aus die russische Grenze erreichen wird.



Das sieht besser aus als es ist: schwergängige Bedienung, tropfende Vergaser, verhunzter Zylinderkopf. Aber immerhin mit »Handbremse« (© monsenstein & vannerdat)

Ein wenig zerknirscht, dass der Verkäufer den miserablen Zustand am Telefon verschwiegen hat – immerhin besitzt er eine stattliche Sammlung an MZ, Schwalbe, Spatz und Sperber und sollte sich eigentlich auskennen –, beginnt die Verhandlung. Wir einigen uns schnell auf einen Preis, der trotz allem den Transport und eine Motorüberholung rechtfertigt. Dennoch schade, dass ausgerechnet jetzt keine vernünftige, funktionierende Ural zu bekommen ist. Toprestaurierte Exemplare ausgenommen, für die man allein wegen des tollen Lacks und der vielen Chromteile tief in die Tasche greifen müsste.
Nach einem kurzen Telefonat mit Johannes – es liegt schließlich an ihm, die neue Ural zu zerlegen und neu aufzubauen – fällt der Entschluss: »Kaufen!«

Am nächsten Morgen irre ich durch den Containerhafen in Hamburg. Eine einzige Baustelle! Doch schließlich finde ich mich in einer Art »Klein-Georgien« wieder. Hier sieht es aus wie auf dem Teilemarkt in Tiflis. Die Verschiffung ist so problemlos wie das Verschicken eines Briefes. Freundliche Georgier helfen beim Abladen und legen gratis ein wenig politische Bildung über die Krim-Krise drauf. Der gesamte Papierkram wurde bereits von Tiflis aus geregelt. Alles klappt wie am Schnürchen!

Jetzt schippert die grüne Ural gemütlich von Hamburg nach Poti (ფოთი). Das wird drei Wochen dauern.
Ob die Herren vom Hühnerhof sich wohl darüber im Klaren sind, dass aus ihrer schrottigen Mühle ein berühmtes Expeditionsfahrzeug werden könnte?



07. bis 11.02.2015: Winterlager, Tiflis, Georgien

Flug SU 2155/1892 von Düsseldorf, über Moskau nach Tbilisi, Georgien. In der Aeroflot-Maschine sitzen wir, die Abgesandten des ehrwürdigen Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat (die Verleger Tom van Endert und Hannes Monse und der Meisterschrauber Marc van Endert), und sind traurig, dass wir weder mit Antonow noch mit Tupolev fliegen. Airbus kann doch jeder.
Im Gepäck: Zahnbürste, Monteurskombi und jede Menge Ersatzteile als Mitbringsel aus der Heimat. Unser Ziel heißt Tserovani, dort befindet sich das Winterlager der »leavinghomefunktion«. Wir sind gespannt, wie es Mensch und Maschine geht. Auch wenn erst ein Fünftel der Gesamtstrecke bewältigt ist: Die ersten Kilometer sind bekanntlich die schlimmsten, besonders mit russischem Equipment. Haben sich Ross und Reiter erst einmal aufeinander eingestellt, sollte es leichter werden. Gäbe es da nicht die kommende Etappe durch Sibirien und Alaska ...



Das Schrauberpardies in Tiflis: Zündkabel-Suche (© René Schäffer)

Die großartige Willkommensfeier zieht sich unter Zuhilfenahme zahlreicher und undefinierbarer Getränke und nie endender Trinksprüche bis in die Mittagsstunden des folgenden Tages hin.
Erst jetzt finden wir Gelegenheit, nach den Maschinen zu schauen. Die leavinghome-Crew jedenfalls scheint an den Strapazen und Erfahrungen der bisherigen Strecke gewachsen zu sein. Das betrifft den Umgang mit Entscheidungen, die sich für die kommende Etappe als lebenswichtig erweisen könnten, die Professionalität in der Planung, den Teamgeist ... und letztendlich auch die Kenntnisse um die Technik. Und wie es bei Expeditionen dieser Größenordnung ganz sicher üblich ist: Ist man erst einmal unterwegs, sieht doch alles anders aus als zu Beginn.
Das gilt komischerweise nicht für die Ural-Gespanne. Diese finde ich in einem erstaunlich guten und sorgsam gewarteten Zustand vor. Zwar gibt es überall Risse und Beulen, Kratzer, Schrammen und jede Menge verkrustetes Schlamm-Ölgematsche, aber so sieht manch eine Ural schon ab Werk aus. Selbst Gernot von Moto Moscow (den wir abends anrufen um zu berichten) ist ganz verwundert: »Ich wäre mit den Teilen nicht mal bis nach Münster gefahren! Und ich traue mir schon einiges zu!«



Johannes (Mitte) kann's schon im Schlaf: Getriebe reparieren (© René Schäffer)

Wie an anderer Stelle bereits geschildert, bereitete Annes Getriebe (neben Svens Motor) den bislang größten Kummer und musste irgendwann gegen ein Ersatzgetriebe ohne Rückwärtsgang getauscht werden. Trotz mehrfacher Versuche ließ es sich nicht mehr schalten. Ausgerüstet mit georgischem Bier in der schrauberfreundlichen 2-Liter-Plastik-Flasche sitzen Johannes, Marc und ich in der »Werkstatt« und zerlegen den Patienten auf der »Werkbank« (einem dicken Baumstumpf). Es dauert lange, dem Problem auf den Grund zu gehen. Uns wird klar, weshalb es nicht gelingen konnte, das Getriebe bereits unterwegs zu reparieren und ganz sicher war die Schaltbox schon vor Abfahrt arg verschlissen. Hinzu kommen ein verrutschtes Lager und eine verbogene Schaltgabel – vielleicht auch ein Resultat der bisherigen Reparaturversuche. Ohne Ersatzteile haben wir eigentlich keine Chance, die Fehler langfristig zu beheben. Mit Mut, Hammer und reichlich Bier klopfen wir aber alles soweit zurecht, dass Anne wieder über ein Getriebe mit Rückwärtsgang verfügt. Mit den schwer beladenen Fahrzeugen wird einem ein solches Feature lieb und teuer. Und bis zur nächsten Ersatzteilbude in Russland wird es hoffentlich halten.

Bild rechts: Marc und Johannes kümmern sich um elektronischen Schnickschnack (© René Schäffer)

Was ist sonst noch kaputt? Kleinigkeiten: Elles Motorrad leidet unter einem lockeren Stirnrad an der Lichtmaschine, einem gebrochenen Kompressionsring und defekten Zündkabeln. Johannes' mobile Stromversorgung (wird über die Lichtmaschine geladen) hat das Gerüttel und Geschüttel nicht überlebt. Meister Marc aber lötet die abgebrochenen Beinchen eines Transistor »mal eben« mit einem selbstgebauten Lötkolben (Kupferdrahtspirale und Gasherd) wieder an. Wir sind gespannt, ob die Strombox die weitere Strecke (und das Hartplastikgehäuse die Kälte) überleben wird.

Ebenso meisterlich Johannes' und Marcs Reparatur der defekten Feder für Sperrklinke des Kickstarters im Ersatzgetriebe. Mittels der Kugelschreiberfeder aus René Schäffers Kugelschreiber. Danke, René.

Kollege Hannes Monse (früher Arzt, heute Verleger) hat sich derweil im »Bunker« – dem Wohnraum des Winterlagers, in dem es dank fehlender Fenster niemals Tag, niemals Nacht ist – vor die Sibirienkarte gesetzt und überarbeitet die medizinische Notversorgung und Erste-Hilfe-Ausrüstung. Auch das gehört zu den lebenswichtigen Dingen. Sogar weit vor einem funktionierendem Rückwärtsgang.

Ein Höhepunkt unseres Besuchs ist Tiflis selbst, Georgiens wunderschöne Hauptstadt. Ein Geschenk, das auch Joseph mit dabei ist (Co-Autor von »Gedacht Gemacht«) und uns mit Geschichten und Informationen über Land und Leute durch die verwinkelten Gassen führt. Am längsten halten wir uns natürlich auf ölverseuchtem Boden auf und durchkämmen einen riesigen und gleichsam abenteuerlichen Autoteile-Flohmarkt.

Abschließend bleibt zu sagen: Wir haben wieder einmal viel gelernt. Dass Georgien mehr als eine Reise wert ist, dass die Georgier großartige Menschen sind (wir haben zwar nur Levan, Alex und Giga kennengelernt, aber die waren schon reichlich überzeugend), dass auch die Landesküche lecker ist und dass das leavinghome-Abenteuer eine noch viel größere und spannendere Sache ist als zu Anfang gedacht.



»Doktor« Monse grübelt vor der Sibirien-Karte (© Renè Schäffer)

Ich freue mich schon jetzt auf das Buch. Erst einmal müssen alle heil und gesund ankommen. Und dazu fehlen nicht nur 25.000 Kilometer sondern auch ein zusätzliches Ural-Gespann. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

21.11.2014: Was bisher geschah - eine Zusammenfassung



Bilder von der Reise: Durch den wilden Kaukasus (© leavinghomefunktion)


Hurra! Eine laaange E-Mail von unseren Abenteurern. Mit ausführlichem Report über die bisherigen Pannen. Man erwartet derer ja viele, wenn man mit russischen Gespannen unterwegs ist. Aber wir wollen nicht vergessen, dass bisher 5500 Kilometer abgespult wordenn sind. Über teilweise unwegsame Straßen. Und mit alten, gebrauchten Maschinen. Dafür hält es sich – so unsere Meinung – durchaus in Grenzen. Hier der Original-Text. Besser kann man es nicht zusammenfassen:

Kilometer 5500 //// Ankunft im Winterlager

Bilanz //// 1:0 für uns
Gegner //// Regen, Kälte, Pannen, Nerven, Wege des Zorns, Durchfall, Grenzkontrollen, Wölfe, Radlager, Getriebe & Co.
Lagebericht der letzten zwei Monate


/////////// Jetzt heißt es: Holz, Internet und Nahrungsvorrat besorgen ///////////

Noch nicht ganz, denn was momentan viel akuter ist, sind die Magenattacken, die sich bei seit zwei Tagen eingeschlichen haben, uns in die Waagerechte zwingen und mit Kamillentee und Salzstangen bekämpft werden müssen. Während die Erkrankung Sven als ersten schon während der Reise ab und an aus unserem nächtlichen Zeltlager raus in die Büsche zwang, ließ der eigentlich harmlose Virus beim Rest von uns immerhin noch so lange auf sich warten, bis ein gut ausgebautes Klo zugegen war.
Ein Klo, ein warmer Ofen, ein paar Matratzen zum Schlafen und vor allem einen sicheren Unterstand zum Schrauben an den Motorrädern – das waren die Anforderungen an unser Winterlager, auf dessen Suche wir uns in den letzten zwei Wochen befanden. Unsere Vorstellungen, was alles als Winterlager dienen könnte gingen auseinander: Sie reichten von einer ausrangierten, leerstehenden Tankstelle über eine Schrauber-Werkstatt, einen alten Bunker bis zu einem Gemüsestand, den wir hätten umfunktionieren können. Also, wir waren für alles offen.
Und so streiften wir recht ziel- und planlos durch Georgien, verbrachten einige Tage auf 2800m Höhe im Kaukasus, schliefen wie meist im Freien und lauschten den nächtlichen Geräuschen der Bergwelt. Wir beschlossen, weiter Richtung Osten zu fahren. Ein schönes, uriges Gebiet rund um Telavi wurde uns empfohlen – das sollten wir uns anschauen.



Gruppenfoto (© leavinghomefunktion)

Nur gestoppt durch die eine oder andere »Ungereimtheit« unserer fahrenden Untersätze zogen wir unsere Bahnen. Auf einer Höhe von etwa 1400m über dem Meeresspiegel fingen die Mikuni-Vergaser an zu spinnen, musste ich feststellen als die Motorleistung mit jedem weiteren Höhenmeter abnahm. Das Luft-Sauerstoff-Gemisch verändert sich bei zunehmender Höhe und die Vergasereinstellung müsste dem eigentlich angepasst werden. Doch da das Drehen an der Luftschraube und die damit verbundene Veränderung am Gemisch ein heikles Thema ist, bin ich vorsichtig gewesen. Wurde sie doch zuvor des Öfteren und fälschlicher Weise als Ursprung so manchen Übels betrachtet und in grenzenloser Unwissenheit hilflos rein und raus gedreht!
Den originalen K65 Vergasern schien das alles nichts auszumachen und so beschloss ich, einfach nichts zu verändern und die nachlassende Leistung in Kauf zu nehmen. (fehlt noch: Video #1 Berge)
Bei unseren zahlreichen Stopps an verschiedenen Tankstellen versuchten wir mit den Leuten zu kommunizieren, deren Aufmerksamkeit durch die Maschinen rasch auf uns gezogen wurde. Wir fragten Polizisten in unserem mageren Russisch nach Möglichkeiten zum Überwintern und gelangten schließlich an die Uni einer kleinen Stadt namens Gurjaani am Fuße des Kaukasus östlich der Hauptstadt Tbilisi. Dort erhofften wir uns Hilfe: Vielleicht jemand der Englisch spricht und Elisabeth und Anne mit ihren spärlichen Russischkenntnissen entlasten könnte? Jemand, dem es möglich wäre, unser Anliegen zu erklären; der die Gegend kannte und die Leute verstand ...
Wie es schien, gibt es leerstehende Häuser im Überfluss – jedes dritte Haus scheint zumindest ein oder zwei unbewohnte Etagen zu besitzen – es haperte also nicht am Platz. Schwierigkeiten gab es allein bei der Kommunikation unseres Bedürfnisses. Wir wollten keine Bleibe für fünf Tage, kein Hotel, kein Gästehaus! Wir sind auf der Suche nach einer Bleibe, in der wir arbeiten können und wir brauchen sie schnell und für fünf Monate!

Zufällige Begegnungen sind die besten und so kam es in Gurjaani zu unserer ersten Hausbesichtigung. Bei einem kurzen Stopp vor einer Backstube am Rande der Stadt und einem fixen Reifenwechsel bei Svens Motorrad – »Herrn Spangenberg« –, bei dem hiesiges Personal zu Hilfe gezogen wurde, ergab sich die Gelegenheit, der sich schnell versammelnden Gruppe Einheimischer im gebrochenen Russisch unser Anliegen kundzutun.



Georgische Werkstatt (© leavinghomefunktion)

Lisa, Johannes und Sven – stets auf der Suche nach neuen Kniffen und Tricks – schauten dem alten, krausen Menschen mit seinem großen Hammer beim Reifenwechsel über die Schulter. In der Zwischenzeit versuchten sich Anne und Elisabeth vor der Backstube weiter in Sachen Unterkunft und trautes Heim. Und siehe da: Nach ein paar für uns unverständlichen, untereinander gemurmelten Sätzen, wurde ein Handy gezückt und wir bekamen unsere erste Hausbesichtigung auf georgischem Boden organisiert.
Ein alter, schwarzer Mercedes hielt etwa zehn Minuten nach dem Telefonat in der staubigen Einfahrt der Backstube. Der aussteigende Herr – ein kleiner, freundlich dreinschauender Typ Anfang 60 – gab uns zu verstehen, uns in sein Auto zu begeben.
Eine Fahrt durch die Randviertel der Stadt auf engen Straßen ohne Asphaltdecke, gesäumt von schief stehenden, rostigen Zäunen und kläffenden Hunden, herumlaufenden Hühnern und Kühen, führte uns immer bergauf.
Nach zehn Minuten hielt der Wagen in einer von Gras zugewachsenen Einfahrt vor einem einstöckigen, leicht eingewachsenen Gebäude mit Garten. Das Haus unterschied sich nicht sonderlich von anderen am Wegesrand, es war eines dieser nach georgischem Stil leicht provisorisch anmutenden Bauwerke mit Wellblechdach, Holzvertäfelung und eingefallenem Gartenzaun.
Jeder Zentimeter des Gartens wurde genutzt, um Essbares anzubauen. Der optische Eindruck spielte dabei eine untergeordnete Rolle und so hatte es für uns seinen eigenen Charme.
Der Garten – gefüllt mit Wein, einem Kakibaum und Resten bereits abgeernteter Beete – begrenzte das Gebäude zur einen Seite. Jenseits des Zaunes reihten sich leerstehend Grundstücke aneinander und ließen die gesamte Gegend recht grün und ruhig wirken.
Das Haus selbst war ebenso rein praktischer Natur: Es gab ein winziges Bad, was durch einen Gartenschlauch mit fließend Wasser versorgt wurde. Die Zimmer waren nicht größer als 10qm und wirkten durch ihre ungeputzten Fenster mit den staubigen Gardinen und der vergilbten Tapete recht düster. Die spärliche Einrichtung der Räume mit Betten auf alten Metallgestellen, einer zersessenen Couch und einer Schrankwand, strahlte eine Art Gemütlichkeit aus wie manch einer sie noch aus Kindertagen beim Besuch der Großeltern kennt. Dieser Eindruck wurde durch die vielen Einweckgläser und Emaillie-Schüsseln noch verstärkt.
Im dem Raum, der als Wohnstube genutzt wurde, stand ein eiserner Ofen, der gut bestückt wohl ausgereicht hätte, das halbe Haus zu heizen.
Bei unserer Entdeckungstour wirbelten wir wie wild durcheinander, was den uns begleitenden Besitzer aber in keinster Weise zu stören schien.
Eigentlich war es perfekt! Sollte es das sein? Das erste Haus, was wir uns angeschaut haben?

Neben der spontanen Methode, Menschen einfach auf der Straße anzusprechen, versuchten wir ebenfalls, über Freunde und Bekannte von unserer letzten Georgien-Reise an ein paar Angebote zu kommen. So kam genau in dem Moment des großen Grübelns und der Unschlüssigkeit über »Winterlager 1« die Nachricht eines guten Freundes aus der Hauptstadt Tbilisi. Er hatte sich ein wenig umgehört und im Internet ein wohl passendes Objekt gefunden: ein Sommerhaus mit 200qm Wohnfläche für umgerechnet 250 Euro im Monat. Es Haus lag etwa 100km von Gurjaani entfernt, zurück Richtung Westen am Rande der Hauptstadt und ebenso am Fuß des Kaukasus. Ok! Einstimmig beschlossen wir, noch ein paar Bleiben zu beleuchten und uns erst dann zu entscheiden.
Es wurde langsam kalt, Regen und Wind machten die Fahrt zurück zu einem nadelstichigem, nassen Unterfangen.

Die letzte Nacht im Freien war uns nicht bewusst als solche. Auf einem kleinen Hügel neben der Straße spannten wir unser Dach in einem Kiefernwäldchen. Trotz Regen entfachten wir ein spärliches Feuer. Es war nicht mehr zu ignorieren: Die sommerlich anmutenden Tage waren zu Ende und der Herbst zeigte sich von seiner ungemütlichen Seite.

Nach dem Aufstehen und dem Zusammenrollen unseres Gepäcks in mittlerweile gewohnter, fast choreografisch-einstudierter Manier, machten wir uns wieder auf den Weg.
Die letzten 50 km dieser Etappe führten uns durch eine unbewaldete, hügelige Landschaft, vorbei an Dörfern, die nach ihren Verkaufsständen am Straßenrand zu urteilen, eine jeweils eigene kulinarische Ausrichtung hatten. Waren die Stände des einen mit Tomaten, Gurken und selbstgemachten Marmeladen und Honig bestückt, sah man im nächsten schwere, große Schweinehälften, angebunden an die Dachbalken der Behilfslädchen. Je nach Bedarf konnte man sich die ausgesuchten Stücke direkt rausschneiden lassen.
Die Fahrt verlief ohne erwähnenswerte Stopps und wir erreichten pünktlich den ausgemachten Treffpunkt. Alex, der uns als Einheimischer begleiten sollte und den Kontakt zu den Hausbesitzern herstellte, kam nach einer Weile bei uns an und gesellte sich zu Johannes in den Seitenwagen.
Wir machten uns auf den Weg in das kleine Örtchen Tserovani am Fuße der Berge.
Eine Irrfahrt über holprige Straßen. Später standen wir begleitet von einem georgischen Pärchen im Garten eines dreistöckigen Wohnhauses mit Balkon.

Die Entscheidung fiel recht schnell. Hier ist es gemütlich, wir haben eine gute Anbindung zum Ersatzteilmarkt in Tbilisi und der kleine Schuppen im Garten wird unsere Werkstatt werden.
Handschlag mit dem Besitzer, ein paar Formalitäten ... und wir hatten eine Bleibe gefunden! Hier konnten wir die Karren in den Garten fahren, den Ofen anwerfen, und raus aus der Nässe.

Das Winterlager ist perfekt

Wir haben es geschafft – die erste Etappe – 5500 km auf den alten Schüsseln bis hier her! Es hat uns fast zwei Monate gekostet, die sich aber alle gelohnt haben und in denen wir nicht nur das Material unter unserem Hintern, sondern auch unsere Strapazierfähigkeit auf die Probe gestellt, unsere Geduld und unsere bescheidenen Mechaniker-Fähigkeiten um ein Vielfaches erweitert haben.
Nach unserer hektischen Verabschiedung in Halle von Freunden und Bekannten – noch unter der Mechaniker-Aufsicht von Tom, unserem Telefonjoker, der uns die ersten 200 km mit seinem alten Steyr bei jedem Absaufen-Lassen der Karren den Rücken freihielt – wackelten wir unsicher doch zielstrebig los.


Der Plan sieht vor:

Start // 07.09.2014 in Halle Büschdorfer Straße 2
Erste Etappe // Einmal über der russische Grenze wegen der Visa, Stempel abholen und zurück nach Georgien
Winterlager 1 // Im georgischen Kaukasus (irgendwo) – Vorbereitung der nächsten Etappe bis März 2015
Zweite Etappe // Fahrt von Georgien bis zur Beringstraße, dann rüber und weiter durch Alaska
Winterlager 2 // Winterlager Alaska oder Kanada; September 2015 bis März 2016
Dritte Etappe // Ab nach New York! Über LA; März 2016 bis August 2016

Uns war bewusst, dass wir alle blutige Anfänger im Umgang mit Motorrädern sind, dass wir bei jedem Griff in den Werkzeugkasten erst alle Schlüssel heraus nehmen müssen, um erst nach reichlich Gewühle den 10er zu finden. Dass es zu den größten Verwirrungen kommt, wenn sich das Eindrehen der Vorderachse in die Gabel auch nicht mit Gewalt bewerkstelligen lässt und sich erst nach Minuten schweißtreibenden Kampfes das vermeintliche Rechtsgewinde als Linksgewinde entpuppt.

So war diese erste Etappe dafür gedacht, uns von unserer Unwissenheit zu befreien und einen kleinen Einblick zu bekommen, was ein altes russisches Ural-Gespann mit Seitenwagen eigentlich ist. Selbiges – wir kannten es nur von Toms Erzählungen – wollten wir testen: Was es kann, was es aushält und in wie weit es das richtige Gefährt für unser Vorhaben ist.
Vor allem wollten wir es aber selber reparieren können. Und das heißt vor allem, viel Geduld haben, denn es gilt nicht nur die eigene Karre am Laufen zu halten, sondern gleich fünf »rollende Schwachstellen« gleichzeitig zu beherrschen! Wenn eine steht, stehen alle!

Beim ersten Teil der Strecke bewegten wir uns noch durch Ländern wie Ungarn, Bulgarien oder Griechenland – Länder, in denen wir uns nötigenfalls mit Englisch weiterhelfen konnten – Gegenden, in denen es ein Netz aus Schraubern gibt, Mechaniker, die sich speziell auf Zweiräder spezialisiert haben (und keine Bulldozer-reparierenden Schwergewichte, die sich nur unter dem Umstand fehlender Alternativen als das fachkräftige Personal erweisen, das wir zu Rate ziehen müssen).



Werkstatt #1 (© leavinghomefunktion)

Nein – vorerst können wir uns noch Fehler erlauben – hier kann nicht viel schief gehen, denn zur Not haben wir Tom, der sich geduldig unsere Schilderungen der Lage am Telefon anhört und uns per Ferndiagnose Anweisungen zur Wiederinstandsetzung gibt.


Er erklärte uns, dass wir bei fehlendem Zündfunken nicht zuerst die Lichtmaschine auseinander bauen sollen, dass nicht immer der Vergaser die Ursache für ein schlechtes Anspringen ist ... oder einfach, dass nicht jeder Kolben in jeden Zylinder passt. Schlichtweg: ohne ihn hätten wir es wahrscheinlich nie bis hierhin geschafft, wahrscheinlich ständen wir heute noch frierend irgendwo an der serbisch-bulgarischen Grenze.

Nach der Auswertung unserer Pannenliste steht fest, dass die meisten Probleme mit den Motorrädern von uns selbst verursacht worden sind. Nicht richtig festgezogene oder nicht mit Loctite versiegelte Schrauben, die sich während der Fahrt locker gerüttelt haben oder falsch eingelegte Bowdenzüge waren meist der Grund für ausgiebige Stopps.
Wobei an dieser Stelle noch mal betont werden muss, dass wir mit gebrauchten russischen Ural-Motorrädern unterwegs sind, was bedeutet, dass man noch eine Menge selber zu machen kann, an der Maschine. Es gibt keine Ölkontrolllampe und sie lecken ständig irgendwo. Und es gibt keine Anzeige für den Luftdruck der Reifen, der irgendwo zwischen 1,5 und 3bar liegen sollte. Es gibt dort einiges zu Warten und zu Pflegen während der Reise, wobei die Präszision eines alten russischen Motorrads eben die Präszision eines alten russischen Motorrads ist.

Erste Etappe /// Hausgemachter Pannenreport

Hausgemachte Fehler
 
  Folgen und Maßnahmen
 
Zündkerze locker   Kolbenschaden mit Loch / Wechsel #1
beim Einbau zerstörter Ölabstreifring   Kolbenwechsel #2 (beidseitig)
Getriebe vermurkst beim Auseinanderbauen   Weiterfahrt mit Ersatzgetriebe – Reparatur steht noch aus
4 x Zündung über Nacht angelassen   Batterie leer – Anschieben, überbrücken, fluchen und weiter
Beiwagenrad blockiert wegen verwechselter Unterlegscheibe   Sich-an-den-Kopf-fassen und umtauschen
Hinterradbremsen-Einstellschraube sinnlos weit rein gedreht   Kochen des Öls im Endantrieb – Dichtung gewechselt
Mitnehmer der elektrischen Zündanlage ausgeschlagen, wegen falschen Einbaus   Unterlegscheibe weg und wieder rein
Getriebeöl läuft aus, wegen nicht angezogener Schrauben   diesmal extra fest
Gänge verstellt, beim täglichen Schrauben-Nachziehen   zweiter Gang springt raus – noch nicht behoben
Luft-Ansaugschlauch mit Bitumen geflickt   schöne Sauerei – Vergaser säubern und später neuen Schlauch einsetzen




Unteransicht-Ansaugluftschlauch (© leavinghomefunktion)



Getriebeeinbau (© leavinghomefunktion)



Hände im Getriebeöl (© leavinghomefunktion)



Aber wie gesagt, das ist gut so und so war der Plan. Testen und möglichst strapazieren, Schwachstellen finden und das Material bis an die Grenzen bringen. So gab es für uns keine Wege, die zu steil, zu matschig oder zu sandig waren. Irgendwie drüber, runter oder hoch, zur Not wird mit der alten Winde gekurbelt – Hauptsache geschafft!

Am Fuße des Kaukasus – am zweitgrößten Stausee Georgiens, der Stromversorgung der Hauptstadt Tbilisi – wurde uns eine Lektion in Sachen »auf nassem Boden steil bergauf fahren« erteilt.
Der holprigen, unbefestigten Straße rund um den riesigen Stausee folgend, ging langsam die Sonne unter und signalisierte uns, dass es Zeit wurde, sich für die Nacht ein Lager zu suchen. Also versuchten wir das circa 100 m unter uns liegende Ufer zu erreichen. Eine Einfahrt – oder besser gesagt eine Schneise –, die sich uns nach einer Weile bot, hielten wir für passabel und machbar. Also los und runter!
Gesagt und Gas gegeben. Runter ging super – es polterte ein wenig, wirbelte das aufgesattelte Gepäck etwas hin und her; wir rutschten ein wenig aber letztendlich ging es ohne Probleme.
Unten erwartete uns ein kleiner etwa 20 m breiter Uferstreifen, der eine halbwegs gerade Ebene bildete und das Wasser von der felsigen Böschung trennte. Er sollte ausreichen, um uns ausgestreckt in die Waagerechte zu begeben und ein kleines Feuer anzuwerfen.
Wir parkten die Karren in atemberaubender Schräglage am Hang und gesellten uns ans Feuer, um uns in allabendlich gemütlicher Runde etwas Essbares einzuverleiben.

Die Nacht verlief ruhig und entspannt. So kam der morgendliche Aufschrei umso überraschender, als wir feststellen mussten, dass der Vorrat an Zigaretten und Kaffee soweit aufgebraucht war, dass wir unmöglich den Vormittag überstehen würden!
Also schnell los! Zwei von uns machten sich mit ihren vom schweren Gepäck befreiten Maschinen auf den Weg zum nächsten Örtchen. »Herr Spangenberg« – ja gut ausgestattet mit neuen Motor, wohl das Motorrad mit der besten Kondition – und »Susanne Schweppches« – das Motorrad, welches bis jetzt die wenigsten Probleme bereitet hatte und außerdem Trägerin einer 20-m-Seilwinde ist – waren die auserwählten Motorräder, den steilen Weg bergauf als erstes zu meistern.

Schon die ersten Meter hatten es in sich. Es galt, eine gewaltige Bodenwelle zu überwinden, die in Anbetracht der Schräglage die Gefahr des nach links Kippens erheblich steigerte. Eine fast stehende und weit nach rechts geneigte Körperhaltung, gepaart mit weit aufgezogenem Gas, erwies sich als richtige Entscheidung und führte zum ersten Erfolg. Nach den überstandenen ersten 50 m kam die erste Kurve und empfing uns mit matschigem, am Boden liegenden Herbstlaub. Wohlwissend, dass jedes Stoppen des sich schon durchdrehenden Rades auf diesem matschigem Untergrund einen unweigerlichen Stopp der Bergauffahrt nach sich ziehen würde, gaben wir einfach nur Gas.
Recht unkontrolliert, geschoben vom Antrieb des Hinterrades, bahnte sich das Vorderrad seinen Weg mehr durch als über den feuchten Untergrund. Nur mit Mühe war es möglich, dem nach rechts ziehenden Beiwagen durch Lenkbewegungen nach links entgegenzuwirken.

Doch es gelang und wir konnten die steile Fahrt bergauf fortsetzen.
Dicht hintereinander bahnten wir uns den Weg durch das Dickicht, wobei die auf den Weg ragenden Äste wie Fangarme nach uns griffen. Es war unmöglich ihnen auszuweichen, wollten wir nicht unsere anvisierte Spur verlieren.
Im nächsten Abschnitt – eine etwa 20 m lange Steigung – gab es einen kleinen, jetzt trockenen Flusslauf, in dem Wasser tiefe Furchen geschnitten hatte. Stellenweise gefüllt mit Geröll, schlängelte er sich ein Stück entlang des Weges, um dann nach rechts den Abhang runter zu laufen. Mit dem Vorderrad da hinein zu fahren würde bedeuten, dass sich das gesamte Motorrad wie auf Schienen bewegte und es unmöglich wäre, zu manövrieren.
So versuchten wir, uns so lange links zu halten, bis sich eine geeignete Stelle bot, den Flusslauf quer zur Laufrichtung zu überwinden. Mit durchdrehenden Reifen und dem Gestank des sich an den Steinen abwetzenden Gummis bewegte sich das Motorrad ächzend durch die Senke und wieder hinauf, bis die Steigung etwas nachließ und sich eine Gelegenheit bot, der am Gasgriff verkrampften Hand eine Pause zu gönnen.
Es folgte ein leichterer Abschnitt, der genügte, die Maschinen in ordentlich Fahrt zu versetzen. Er endete in einer scharfen Rechtskurve. Von dort führte der Weg wieder steiler, über eine etwa fünf Meter lange Strecke bis auf eine Kuppe.
Wegen der Rechtskurve konnte ich den Schwung nicht nutzen um die Steigung zu meistern und so verringerte sich die Geschwindigkeit der Fahrt sowei, dass sich bei zunehmender Steigung das Hinterrad immer weiter in den Matsch grub, das Vorderrad ins Schlingern kam und sich Susanne Schweppches mit einem Ruck quer zur Fahrbahn stellte!
Das war es dann ... Unmöglich, bei dieser Steigung wieder anzufahren, von griffigem Boden keine Spur. Vergebens versuchte ich, die Maschine nach hinten, nach vorne, nach rechts oder links zu bewegen. Auch zu zweit: keine Chance! Noch frohen Mutes leierten wir das Seil der Seilwinde von der Kurbel und freuten uns auf ihren ersten richtigen Einsatz ... als ein junger Fischer in Gummistiefeln und in Tarnkleidung den Weg herunterstiefelte. Er erkannte unser Problem und packte mit an. Wir zerrten und schoben mit all unseren Kräften, doch auch zu dritt wurde es ein äußerst anstrengender Akt und erst nach zwei Stunden standen beide Maschinen wieder auf halbwegs befestigtem Weg, oberhalb unseres Nachtlagers.

Das Ganze dann noch dreimal und mit vollem Gepäck, das konnten wir auch dem Fischer nicht zumuten! Geschweige denn, dass unsere Kraftressourcen ausgereicht hätten, um dies an einem Tag zu bewerkstelligen.

Hilfe kam nach unserer Rückkehr aus dem Ort, in Form einer kleinen Gruppe polnischer Jugendlicher, die sich auf ihrer Jeep-Rundfahrt durch Georgien ebenfalls diesen üblen Weg heruntertrauten.
Mit ihrem Allrad-Jeep boten sie sich an, Zugpferd für die verbleibenden Motorräder zu spielen. Angebunden ans Abschleppseil wurde die Auffahrt der drei verbleibenden Motorräder zu einem weniger kräftezehrenden Unterfangen. Am Steuer glich die Fahrt mehr einer Fahrt mit der Achterbahn, als das Fahren eines Motorrades.



Am Haken (© leavinghomefunktion)

Im Laufe unserer weiteren Reise durch Georgien kam uns übrigens eine Vielzahl Jeep-Reisender entgegen, die das Land gerade wegen dessen abenteuerlicher Huckelpisten zu schätzen wissen.
Die meisten – auch die auf der Karte als regulären Straßen verzeichneten – Wege sind nicht asphaltiert und lassen einem verwöhnten Mitteleuropäer die Plomben in den Zähnen klappern. Auch den Maschinen macht das ganz schön zu schaffen. Schrauben rüttelten sich los, die Schutzbleche fangen an, Risse zu bekommen und klirrend verabschieden sich die Speichen.
Zuerst machten sich die Teile auf und davon, die nicht original ab Werk an einer Ural 650 verbaut worden waren. Bei Elisabeths vom Vorbesitzer eigenmächtig zusammengestellten Ural waren die meisten Teile flüchtig. Schwer von Lepra getroffen, hatte sich das Schutzblech von dannen gemacht, was auch den Gepäckträger ermutigte, es ihm gleich zu tun. Eine Schraube in Lisas Lichtmaschine hatte sich ebenfalls gelockert und wahrscheinlich ein paar Kontakte überbrückt, was dazu führte, dass der Regler »Adieu« sagte.

Wackel und Rüttelschäden//:

Rüttelschäden
 
  Folgen und Maßnahmen
 
Halteschraube des Ganghebels im Getriebe abgefallen   Getriebe auf, Schraube dran ... Gänge falsch ... erneut Getriebewechsel
Tank gerissen   Explodiert – ach ne – epoxiliert
Kanister-Halterung u. Kanister weggeflogen   Kanister aufsammeln und anderweitig verstauen
wichtige Mutter für Beiwagen-Halterung weg   nicht im Sortiment, deshalb weiterfahren und bis zur nächsten Werkstatt nicht daran denken
2x Gepäckträger-Halterung u. Gepäck ab    einsammeln, neu und wieder dran
Batteriehalterung verloren   ganz klar: Kabelbinder!
Schutzblech ab   wieder ran, wieder ab, wieder ran ... schweißen = besser!
Auspuffhalterung ab   wieder ran und weiter
diverse Elektoverbindungen ab   suchen, finden und vertüddeln
3x Ansaugluftschlauch ab   halben Tag fahren, bis zum Realisieren – wieder dran
Vergaser abgerissen   Staunen und wieder dran
3x Hauptschalter Stromversorgung kaputt   ersetzen ... und auf ein Neues
Zündschloss defekt   Wackler durch Wackeln beheben
Sicherheitsschraube Vorderachse fort   neue Schraube, neues Glück




Holperstraßen (© leavinghomefunktion)



Schaltplan (© leavinghomefunktion)



Sven und Johannes in der Werkstatt (© leavinghomefunktion)

Trotz all der Pannen, der vielen Momente, in denen es uns buchstäblich bis zum Halse stand, sind wir jetzt am Ende der ersten Etappe angelangt. Es gab Momente auf der Reise, wo uns dies als unwirkliches Ziel in weiter, unerreichbarer Ferne erschien. Tage, an denen unser kleiner Konvoi alle zwanzig Kilometer zum Stehen kam, Tage in denen Sven irgendwann einmal aufgehört hat, zu zählen, wie oft er sein Beiwagen-Verdeck öffnete um die Werkzeugkiste ein weiteres Mal zu lüften.

Naja, es war und es ist aufregend. Und jetzt heißt es, Gelerntes, Erfahrenes zu nehmen und auf dieser Basis in unserer kleinen Werkstatt die nächste Etappe vorzubereiten. Ohne die Hilfe der vielen Unterstützer hätten wir das wahrscheinlich nie geschafft und deshalb an dieser Stelle eine großen Dank an alle.

So versuchen wir in unserer Werkstatt alles Menschenmögliche und sind unentwegt dabei, kleine aber wichtige Verbesserungen an den Maschinen durchzuführen. Auf, dass sich die Fehler der ersten Etappe nicht in der zweiten Etappe wiederholen.

So werden wir Euch auf dem Laufenden halten, was wir im Kämmerchen zusammenbrutzeln und wahrscheinlich mit der einen oder anderen Frage, bei der wir einfach nicht weiter wissen, an Euch herantreten. Denn es gilt den schwierigsten Teil der Reise – die Fahrt durch Sibirien – die Überquerung der Beringstraße und die Fahrt durch Alaska vorzubereiten.
Den »Eisernen Hintern« (das Fahren auf einer Ural von 1000 km am Stück) haben wir uns bis jetzt noch nicht verdient. Doch was nicht ist, kann noch kommen.


16.10.2014: Zündung die Dritte

»Der Motor läuft nur auf einem Zylinder, springt aber tadellos an. Wir haben schon die Vergaser getauscht. Das hat aber nichts gebracht.« Lisa ist ratlos. Es wurde aber auch langsam Zeit, dass an ihrer Karre etwas kaputt geht! Man darf nicht vergessen: Ihre Ural ist die preiswerteste aus dem Fünfer-Set, und noch immer im »Werkszustand«!
Unnötig, es zu erwähnen: Kompression auf beiden Seiten vorhanden, Vergaser o.k., Zündung grundsätzlich auch ... Der Boxermotor zündet ja auf beiden Zylindern gleichzeitig – wenn einer läuft, kann es also nicht an der Steuerung oder an der Spule liegen. Sondern eher am Kabel, an der Kerze oder am Stecker.
Wie ich später erfahre, war es die Kerze!


12.10.2014: Wasser im System

Oh! Das Telefon klingelt! Was ist denn heute kaputt? Nach kurzer Klärung der Lage – alle wohlauf, man ist in Georgien, es regnet in Strömen – geht es wieder um Ferndiagnosen. Diesmal ist es ein klein wenig schwieriger, der Verdacht fällt aber erneut auf die Zündung. Es hat Elle erwischt.

Der Motor läuft im Leerlauf tadellos, springt sofort an, kommt aber nicht auf Drehzahl. Vergaser bereits überprüft ... Hmmm ... Hat es nicht geregnet? Ja ... Und das vordere Schutzblech fehlt? Ja ...
Ganz offensichtlich harmlos: Wasser in der Zündung.

Ich habe langsam die leise Hoffnung, dass die schlimmsten Probleme behoben sind und nun die Phase mit den ewigen Kleinigkeiten kommt, die ein Uralfahrer als ständigen Begleiter akzeptieren muss.


10.10.2014: Post!

Man macht sich ja doch schon Sorgen, wenn man gar nicht mehr hört! Aber keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Um so mehr freut es mich, dass heute eine Mail im Postkasten liegt. Diese ist so schön, dass ich sie an dieser Stelle ungekürzt wiedergeben möchte:

Mein lieber Herr Verlagsverein – Hallo Tom!

Länger wollte ich dir schon schreiben und dich mit neuen Informationen versorgen, doch es ging nicht. Jetzt wo die »Kinder« aber noch schlafen und das Kaffeewasser kurz vorm Kochen steht, findet sich die Zeit.
Ganz, ganz liebe Grüße von der kompletten Bande aus der Türkei. Wir haben die Schwarzmeerküste endlich erreicht und düsen nun Richtung Georgien – den Herbst im Nacken. Das letzte, was du von uns hörtest, waren glaube ich nur undeutliche Worte wie »Hilfe« und »Kolben« – das war noch in Serbien. Seit dem sind wir weiter entlang der Donau, durch Bulgarien über den Pass und die Serpentinen der Rhodopen, an die Griechische Küste der Ägäis gefahren. Zwei Tage lang sind wir nur Serpentinen gefahren – bergauf-bergab – haben in Wolken geschlafen und grandiose Aussichten genießen können, um dann direkt am Meer anzukommen und baden zu gehen.
Die Maschinen haben sich tapfer geschlagen. Ab und zu wechseln dennoch gewisse Ersatzteile den Besitzer und so hat mein Motorrad Svens altes Getriebe in Serbien erhalten. Die Mutter des Hebels der Gangschaltung hatte sich gelöst. Ansonsten geben sich die Dreiräder bis dato mit Bremsen nachstellen, Öl nachschlagen und vor allem Schrauben nachziehen soweit zufrieden. Nur die Zündungen erregen mittlerweile allseits Aufmerksamkeit. Also setzten wir uns da gleich nach dem Kaffee mal ran. Auch der ein oder andere Blinker hat einen Herzkasper, was wohl mit Lichtmaschine, Regler, Batterie oder sonst-auch-immer-was einhergeht. Geschweißt durfte auch schon werden; Radlager nachstellen; wieder Schrauben festziehen – jeden Tag eigentlich, bei diesen bulgarischen Straßenverhältnissen jenseits von Wien. So haben nun endlich auch die Mädels etwas mehr Zeit, sich ihrem Gefährt zu widmen und etwas über seine detaillierte Funktionsweise zu erlernen.
Es ist großartig, zu fahren, denn das Wetter war uns bisher recht hold. Und auch wenn es hier in den Bergen wieder recht kühl ist, nehmen wir doch einen sehr ausgedehnten Spätsommer in Anspruch. Nun muss ich weiter – unter Tarp raschelt's und der Kaffee muss ran – sonst passiert hier nichts. ;-)
Anbei schicke ich dir noch ein paar Bilder von unterwegs, damit du deine Berichte verziehen kannst.

Lieber Tom, sei aufs Herzlichste gegrüßt und hab's gut!

Anne und die restlichen Halunken.

PS: Svens neuer Motor läuft wie Schnitzel! :-D


Nach dem Kaffe ging's dann an die besagten Zündprobleme. Allen voran macht Johannes' Ural mächtig Ärger. Nach einem Telefonat – nicht einfach, per Telefon einen technischen Fehler zu finden – und dem systematischen Ausschließen von Fehlerquellen kann ein defekter Kondensator ausgemacht werden. Starker Kontakt-Abbrand und Funkenschlag sind klare Indizien. Zur Sicherheit soll aber eine elektronische Zündung aus der berühmten Reservekiste verbaut werden.



Endlich! Das Schwarze Meer
(© leavinghomefunktion)


28.9.2014: Annes Rooster will nicht mehr

Das Telefon klingelt! Ein Anruf von Anne. Das verheißt sicher nichts Gutes. Und tatsächlich hat sich ein Kolben von Annes Ural verabschiedet.
Der Grund ist schnell erkannt: Eine Zündkerze hat sich gelockert und der Motor zog Nebenluft. Nach etlichen Kilometern – ohne dass dieser kleine Fehler bemerkt wurde – hatte sich dann ein Loch in den Kolben gebrannt. Leider gab es zwar jede Menge aber keinen 100%ig passenden Kolben in der Reservekiste und so wurde flugs eine Größe kleiner eingesetzt. Das klappert vielleicht ein wenig, aber es funktioniert.
 


19.9.2014: Hari macht alles heile

Unser Motor ist heil angekommen. Nicht ganz so heil ist er aber von innen und zeigt nach dem Zerlegen deutliche Spuren einers Ölmangels. Auch wenn wir als alte Uralschrauber es nicht so eng sehen mit den Verschleißgrenzen – Hari Schwaighofer ist Perfektionist und zaubert lieber einen »neuen« Motor aus dem Hut, den er aus irgendwelchen Altteilen zusammenbaut. Ganz großes Kino und eine Riesenhilfe für Sven.

18.9.2014: Ein Motor geht auf Reisen

Neuigkeiten aus Österreich: Die Truppe ist gestern bei Hari Schwaighofer eingetroffen, dem Generalimporteur der heutigen Ural-Gespanne (www.ural.at). Dort gab es nach einigem Hallo erst einmal einen neuen Tank für Annes Motorrad. Wir erinnern uns: Der alte löste sich von innen auf auf und ständig war die Spritzufuhr verklebt. Irgendwie schön, das schwarze Gespann mit dem blauen Tank. Wie einst die rassigen Gilera mit dem roten Tank ...
Dann ging es weiter, die Donau entlang ... bis Svens Motor blockierte. Prognose: Pleuellagerschaden, Kurbelwelle hinüber. Das Ölschleuderblech war lose. Nach erst 750 Kilometern vielleicht eine heftige Schadensbilanz. Aber so ist russische Technik nun einmal. Entweder sie hält ewig oder geht sofort kaputt. Das gehört einfach dazu.
Ersatzteile für die alten 650er werden in Westeuropa langsam knapp. Also muss ein Ausschlachtmotor aus Münster nach Österreich geschickt werden, den wir gestern nacht auf einem dunklen Parkplatz in Coerde »aus dem Kofferraum« gekauft haben. Kein Mensch weiß, ob dieser bis New York hält.



Annes 8.103-40 mit Renntank. Im Hintergrund Hari Schwaighofers Ural-Zentrale (© leavinghomefunktion)



Eilpost aus Münster: Hoffentlich funktioniert der hier! (© Monsenstein und Vannerdat)


12.9.2014: Wackelkontakte

Gestern wurde konstant geschraubt und wenig gefahren. Bei Svens und Lisas Urals gibt es große Probleme mit der Lichtmaschine, ständig ist die Batterie leer. So wie es aussieht, handelt es sich um Wackelkontakte in Kabelbaum und Zündschloss. Bei Regensburg gibt es fachkundige Hilfe in einer Motorradwerkstatt. Vergleichsweise lächerlich, dass bei Anne das Rücklicht kaputt ist!


10.9.2014: ausgerechnet Bayern

Svens Boxer wurde zum Einzylinder. Per Telefon wird überlegt, woran es liegen könnte. Scheinbar hat sich aber nur das Spiel eines Auslassventils verringert. Ob es wirklich daran liegt, kann ich nicht sagen, da keine Telefonverbindung mehr möglich ist. Kein Netz. Bayern eben ...


9.9.2014: Kilometer 150

Gestern ging es nur schleppend voran. Der Morgen wurde zum Justieren der Gestänge zwischen Motorrad und Beiwagen genutzt – das hohe Gewicht des Gepäck verändert das Fahrverhalten kolossal.
Annes Benzinhahn verstopft ständig – im Tank sind noch Reste der inneren Lackierung, die den Sprit nicht verträgt. Abends Rast an einem Stausee. Lagerfeuer, Bier. Johannes schläft im Beiwagen!), der Rest auf der Pritsche unseres Steyrs. Wir verabschieden uns bei ATU (Benzinfilter kaufen). Ich muss zurück in den Verlag, die anderen nach New York.



Guten Morgen. Im Hintergrund wird bereits Kaffee gekocht. (© Monsenstein und Vannerdat)



Einmal pusten bitte: Der Benzinhahn ist verstopft. (© Monsenstein und Vannerdat)


7.9.2014: Es geht los

Pünktlich um 15:00 Uhr stehen alle fünf Gespanne mehr schlecht als recht bepackt vor dem Basislager in Halle/Saale. Bis fünf Minuten vor Abfahrt wurde noch geschraubt: Wackelkontakte beseitigen, Vergaser einstellen. Kleinkram eben. Unsere Edition überreicht noch schnell wärmende Funktionswäsche für die kühleren Passagen. Die Zuschauermenge winkt, es geht los. Und im Schlepptau unser Spezial-Expeditions-Truck, der treue Steyr 680MF.
Die ersten 120 Kilometer verlaufen problemlos. Zwischendurch ein Fototermin an einer Tankstelle. Abends großes Beisammensein und die Verabschiedung von Eltern und engen Freunden.



Zwei Autoren mit viel Erfahrung im Reisen mit (nach landläufiger Meinung) ungeeigneten Fahrzeugen: Johannes auf seiner Ural verabschiedet sich von Joseph, der bereits mit der »Moped-Gang« auf Tour war.



Johannes (Ural 8.103-10), Elisabeth (Ural 8.103-40), Sven (8.103-10), Anne (8.103-40) und Lisa (8.103-10). Im Hintergrund unser Verlags-Mobil (die alte Karre in der Mitte)